Die Geschichte der UdSSR, über den Stalinismus  und

die Rolle der KPdSU bis 1990

Aspekte-70

 

Die Geschichte der UdSSR, über den Stalinismus  und die Rolle der KPdSU bis 1990

 

Meine berufliche Entwicklung begann (vgl. WEB- Seite " ESER- DDR"), 1961 mit dem Hochschulstudium in der UdSSR und endete ca. 2006, weit nach dem Ende des ESER bzw. der Existenz des realen Sozialismus als Gesellschaftssystem. Das waren 45 Jahre durchgängige direkte und indirekte beruflichen Kontakte zur UdSSR/Russland. Bis heute bannen daher die gesellschaftlichen und wirtschaftspolitischen Entwicklungen in diesem Teil der Erde mein Interesse in besonderer Weise. Der Weg und die Perspektiven des Landes und seiner vielen klugen und herzlichen Menschen lohnt unsere Aufmerksamkeit. Auch auf meinen ESER- Seiten hatte ich an verschiedensten Stellen den engen Zusammenhang der Entwicklung des ESER mit der Politik und Wirtschaft der UdSSR dargestellt..

 

Zentrales Thema dieses Teiles sind persönliche Gedanken dazu . Um die Frage nach dem "Warum" des Scheiterns des Sozialismus als realer Gesellschaftsformation im 20 Jh. zu analysieren, ist es nur zielführend, dies aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive zu tun. Daher möchte ich hier zunächst Publikationen betrachten, die in diesem Kontext stehen..

In vielen Büchern dominiert zum betrachteten Themenkomplex  heute eine "Schuldzuweisung" für die Missstände und Fehler des  Sozialismus in der DDR an die führenden Politiker der SED und das MfS. Das ist aus Sicht der Medien der BRD sehr praktisch und man muss sich nicht mit aktuellen Missständen der Politik der RF anlegen, schließlich könnten ja große Geschäfte leiden.. ..

Auch die letzten Akteure der KPdSU- Zentrale ( nachzulesen z.B. bei Erinnerungen des letzten Botschafters..  ) versuchen im Rückblick, die Hauptschuld für den Zusammenbruch der DDR dem letzten Politbüro der SED und Honecker persönlich anzulasten. Wenn eine wichtige Tatsache in den vorherrschenden Darstellungen zur Geschichte der DDR heute in der BRD- Politik eher mit einem klaren Kalkül verschwiegen und bei "DDR"-Autoren oft einfach übersehen wird, dann das:

 

  • Die DDR war ein Teil des  sowjetischen Sozialismusmodells. Ihre wesentlichsten System- Elemente, wie Struktur der Staatsorgane, die Leitung von Wirtschaft und Staat sowie ihr Sicherheitssystem wurden von der UdSSR bestimmt..

  • Die DDR war nur im engen Bündnis mit der UdSSR wirtschaftlich lebensfähig. Die Westgrenze der DDR war keine Grenze zwischen den zwei deutschen Staaten, sie war die am gefährlichsten gerüstete Trennlinie der Systeme mit allen Konsequenzen daraus..Auch das Grenzregime der DDR wurde, wie vieles Andere, in Moskau vorgegeben.  

Wenig bekannt sind die Fakten, welche Dominanz die Führung der UdSSR, ihre Wirtschaftspolitik und ihre militärischen Strategien auf den Lauf der Entwicklung der DDR - bis zu ihrem Ende 1989/1990 hatten. Und sicher tragen Gorbatschow und Co. einen Großteil der Verantwortung für die eskalierenden Erosions- Prozesse in der UdSSR ab ca. 1988 und damit auch für das Geschehen 1988/1989 in der DDR..

Nachfolgend die Übersicht aller Titel und Autoren dieser Seite als Links :

Heinz Kessler und Fritz Streletz : ""Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben"

Gerd König "" Erinnerungen des letzten DDR-Botschafters in Moskau

Hans Kalt:: "In Stalins langem Schatten"

Jegor Kusmitsch Ligatschow "Wer verriet die Sowjetunion

"Offene Worte"  Gorbatschow, Ligatschow , Jelzin und 4991 Delegierte diskutieren im  Juni 1988 über den richtigen Weg...

Leo Trotzki " Verratene Revolution"

 

Daher mag es nicht überraschen, dass am Anfang meiner Aufzählung das Buch steht:

Heinz Kessler und Fritz Streletz : ""Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben" (ISBN 978-3-360-018825-0;; www.edition-ost.de  ))

Den Autoren gelingt es u. E. sehr überzeugend, die allgemein weltweit anerkannte These des USA- Präsidenten Kennedy -  " Die Mauer .. ist zwar keine schöne Lösung, aber tausendmal besser als Krieg"-  an umfassendem historischen Faktenmaterial zu dokumentieren. Nicht eine Willkür des SED- Politbüros oder Chrutschschows führte zur Mauer, sondern die aggressive Politik des kalten Krieges und die Deutschlandpolitik von BRD und NATO waren die Gründe, einen Schutzzaun zu bauen. Das Buch ist jedoch keine militärische Erinnerung zweier Generale. Kern dieser Dokumentation sind vielfältige Fakten und Dokumente zur politischen und militärischen Situation der DDR,, der Dominanz, mit welcher nicht nur tausende sowjetische Berater und ca. 500-Tausend Soldaten der Sowjetarmee, ausgerüstet mit modernsten (!)  Waffensystemen, in der DDR agierten, welche gewaltige Wirtschaftsleistung die DDR jährlich für die Sowjetarmee zu erbringen hatte. Das Buch stellt auch klar- das Grenzregime an der Westgrenze wurde auf Befehl und mit technischen Vorgaben des sowjetischen Oberkommandos des Warschauer Vertrages errichtet! Ein solches Grenzregime bestand rings um die UdSSR und alle Warschauer Pakt-Staaten gleichermaßen..

Es gäbe noch Vieles zu sagen - für mich war das Buch spannend und inhaltsreich, eine Bestätigung der These  "Die DDR war ein Teil des sowjetischen Sozialismusmodells" und nichts wirklich Bedeutsames wurdee (bis kurz vor Ende der DDR))in Berlin entschieden. Und  auch alle Konsequenzen aus dem Scheitern der Perestroika in der UdSSR wirkten sich in fataler Weise in der DDR aus... !!

 

Beinahe nahtlos schließt an die o.g. Gedanken das Buch ann

Gerd König "" Erinnerungen des letzten DDR-Botschafters in Moskau- Fiasko eines Bruderbundes "" (ISBN 978-3-360-01830-4;; www.edition-ost.de  ))

Es gehört durchaus in diesen Abschnitt zur "UdSSR.... ". Aus einer Spitzenposition der DDR- Diplomatie, aus der DDR- Botschaft in Moskau, konnte und musste Gerd König in einer komplizierten Phase der UdSSR, der Politik der KPdSU  (1987- 1990) und der DDR, in einer Zeit tiefgreifender Umgestaltungsversuche, wirtschaftlicher und ideologischer Erosion des europäischen Sozialismus, von Glasnost und Perestroika, Drosselung sowjetischer Erdöllieferungen an die DDR und zwangsweise wirtschaftlicher Öffnung der DDR zur BRD in Moskau als Vertreter der DDR und "Chef" von ca. 6000 DDR - Bürgen in der UdSSR den Staat DDR repräsentieren und für das Politbüro der SED akzeptabel und dennoch korrekt, politisch orientierend informieren. Der Autor berichtet tiefgreifend über wichtige Fakten und Ereignisse, neben Erinnerungen zu charakterlichen Eigenschaften wichtiger DDR- Politiker. Als Zeitzeuge berichtet er inhaltsreich und sachlich, durchaus spannend. Mehrfach benennt G. König auch die Rolle der Rechentechnik (ESER) als Schwergewicht des DDR- Handels, für mich durchaus bemerkenswert.  

Das Buch hat für mich eine besonders wertvolle Besonderheit: Entgegen den meisten Erinnerungen von DDR- Spitzenpolitikern wird hier von einem Insider m. E. ein wichtiger Aspekt des schrittweisen Zusammenbruchs der DDR-  im Bunden mit der UdSSR- beleuchtet, das Unvermögen der UdSSR- Führung, in einem weit fortgeschrittenen Stadium den Kollaps des UdSSR -Wirtschaftssystems aufzuhalten, das der jahrzehntelangen Last des kalten Krieges nicht mehr standhielt. Es war quasi ein dritter Weltkrieg, um mit Valentin Falin zu sprechen, in dessen Verlauf mehr Ressourcen vernichtet wurden, als in allen Kriegen der Weltgeschichte bis dahin zusammen. Die Mehrzahl der Menschen hatte kein Vertrauen mehr in eine sozialistische Zukunft- durchaus das von den USA gewollte Ziel zum "Totrüsten" des Sozialismus..

Besonders interessiert habe ich dabei die Ausführungen und Analyse Königs zu den  Wandlungen von Gorbatschow und dessen Umfeld  in der Deutschlandpolitik und der Politik gegenüber der NATO verfolgt..

Während noch 10/ 1988 (z.B. S. 293) Gorbatschow gegenüber Kohl scharf ablehnte, die ".. deutsche Frage auch nur zu diskutieren.. ", veränderte sich diese Haltung Gorbatschows unter dem Druck innenpolitischer und weltpolitischer Umstände in rasantem Tempo. Ausführlich, an Hand von Protokollniederschriften und Notizen kann man verfolgen, wie das Moskauer Politbüro die DDR zunehmend als politische und wirtschaftliche Belastung einordnete und der Regierung Modrows trotz alarmierender Prognosen keine politische Unterstützung bot.. Eine nur wenig bekannte Analyse zur politischen und wirtschaftlich extrem desolaten  Lage in der UdSSR (1989/1990 ) ( S. 388 ff.) ergänzt unseren Blick in die Geschichte und vermittelt bestimmte Beweggründe der KPdSU- Führung. Die Abkehr von Wahnsinn des nuklearen Wettrüstens und vom "Krieg der Sterne" war ein wichtiges Ergebnis der Außenpolitik Gorbatschows. Das Ausbleiben konstruktiver und durchdachter Reformen der Wirtschaft und einer Neuordnung des Staates im Lande, das Unvermögen, einen  echten "Kulturwandel" in Partei und Staat durchzusetzen, die hinterhältige Demontage des Einflusses pro-sozialistischer Kräfte u.a. führten letztlich zu innenpolitischen Krisen, zum beinahe totalen Verlust des wirtschaftlichen Gleichgewichts und zur Erosion der sozialistischen Weltmacht UdSSR. In dieser totalen Form war das aber wohl, so auch König, keine zwingende Konsequenz dieser Politik, sondern eher  Unvermögen und Charakterlosigkeit. Natürlich liegt die Wurzel dieser Defekte in der Inkonsequenz Chruschtschows, nicht tatsächlich mit dem stalinschen Sozialismus -System aufräumen zu wollen und als Beteiligter das zu können ( siehe u.a. ..../geheimrede.de.vu//). Die Zeit ab 1956 war auch für Gorbatschow und sozialistische Reformen unwiederbringlich verloren. Aber es ist doch interessant, dass ein Diplomat, wie G. König, bzgl. Gorbatschow zur Einschätzung gelangt, dass die Gorbatschows, Schewardnadses, Falins, A. Jakowlews  u.a. mit ihrer ideologisch wankelmütigen und Macht- besessenen Politik die realen Chancen echter Reformen hin zu einem neuen modernen Sozialismusmodell allzu leichtfertig vergaben. Auch viele DDR- Bürger vertreten genau diese Auffassung, ohne den mutigen  Beitrag Gorbatschows zur internationalen militärischen Entspannung zu unterschätzen, und sie finden sich durch die Ausführungen Königs bestätigt..

Interessant lesen sich auch die Erinnerungen G. Königs bzgl. der  Zeit vor, während und nach dem 40. Jahrestag der DDR bis hin zur Geheim-Mission von Harry Tisch in Moskau vor der Absetzung Honeckers. Die Darstellung Gorbatschows, Honecker zu tiefgreifenden Reformen gedrängt zu haben, scheint jedoch eher dessen geschönte Selbstdarstellung mit dem Versuch einer einseitigen Schuldzuweisung an Berlin zu sein. Hier soll offenbar Geschichte kräftig umgeschrieben werden, von der Gorbatschow- Stiftung und westdeutschen Medien in trautem Einklang, schließlich soll ja vorrangig die DDR verunglimpft werden, dafür erhält man ja auch Preise und Ehrungen in Europa!!

Wichtig erscheint mir auch die Aufarbeitung von Archivmaterial in der Phase Anfang 1990 zu Beschlüssen des KPdSU - Führungszirkels ( S. 392) zur Deutschland/ DDR- Politik der UdSSR. Man hatte die Regierung Modrow bereits als unbedeutende Zwischenkraft eingeordnet und die UdSSR- Politik auf die Gestaltung der gesamtdeutschen Entwicklung über Kräfte der BRD konzentriert. Beachtenswert, dass Geheimdienstchef Krjutschkow bei derartigen strategischen Beratungen sehr präzise Informationen seiner KGB- Residenz über die instabile Lage der DDR beisteuerte; man erinnert sich unwillkürlich an die Rolle des KGB-DDR- Residenten Major V.V.Putin.....

Die innenpolitische Krise der UdSSR, das kraftvolle und zeitnahe Agieren der Regierung Kohl, die Politik der USA - und Vieles mehr trugen entscheidend zu den Ereignissen in Deutschland und Veränderung der Welt bei. Die Fehler der DDR- Führung ergänzten diese Prozesse lediglich..

Gerd Königs  Dokumentation zeigt mir mit vielen Niederschriften und überzeugend  dokumentierten Analysen einen  Blick auf wichtige handelnde Personen, hinter die Kulissen des öffentlichen Geschehens, der meinen Beobachtungen und Erinnerungen zu jener Zeit enorm erweitert..

Es ist sicher richtig zu sagen, dass er eine eindrucksvolle, sehr ausgewogene  Antwort auf das "Warum" des Dilemmas des Sozialismus vermittelt::

Die Wirtschaftskraft des Sozialismus als System war nicht in der Lage, dem Wettrüsten zu widerstehen und die Führungen der Parteien waren eher unfähig, rechtzeitig und flexibel den Staatenverbund und seine ideologische Doktrin in deren Gemeinsamkeit für die Anforderungen der neuen globalen Welt zu reformieren. Das trifft leider in erster Linie auf die UdSSR zu und es wird auch hier deutlich: Die DDR war ein Teil des  sowjetischen Sozialismusmodells und nur im engen Bündnis mit der UdSSR politisch-ideologisch und wirtschaftlich lebensfähigg.

Und ein weiteres, wohl weniger bekanntes Buch möchte ich im gleichen Zuge- zum "Warum" -  erwähnen --

Hans Kalt:: "In Stalins langem Schatten"- Zur Geschichte der Sowjetunion und zum Scheiitern des sowjetischen Modells   www.papyrossa.de ISBN 978-3-89438-434-00

Anders, als dieser Titel vielleicht vermuten lässt, untersucht  H. Kalt auf der Grundlage einer marxistisch fundierten Wirtschaftswissenschafts- Analyse, vom Standpunkt eines Ökonomen, aber auch eines langjährigen Führungsmitglieds der KPÖ  und  Chefredakteurs der "Volksstimme" die Ursachen der Fehlentwicklung und des Zusammenbruchs des sowjetischen Sozialismus- Modells. Er bemüht sich, die  heute verbreiteten oberflächlichen und zynischen Stalinismus- Debatten zu überwinden und echte sozialökonomischen Analysen darzustellen, bis hin zu Alternativen zum heute dominanten Neo- Finanzkapitalismus..

Besonders lesenswert - sein Überblick über die Geschichte der sozialökonomischen Grundlagen der Sowjetunion und der politischen Ökonomie des Realsozialismus aller (europäischen) sozialistischen Staaten und deren unwissenschaftlichen Charakter. Für einen Leser, der Jahrzehnte die politische Ökonomie des Sozialismus (sowjetischer Prägung) in der UdSSR und DDR gelehrt und später in Beschlussform interpretiert bekam, ist H. Kalts Buch eine deutliche Bereicherung, eine für mich späte Erkenntnis zur manipulierten Rolle der Ökonomie im Sozialismus..

Neben einer ausführlichen Diskussion der Geschichte und der Politik der politischen Ökonomie der UdSSR vor dem 2. Weltkrieg , darunter eine  lesenwerte Betrachtung der Klassenauseinandersetzung mit der Schicht der Kleinunternehmer und Mittelbauern, findet man viele Hinweise darauf, dass die Diskussion zur politischen Ökonomie des Sozialismus von Anbeginn der Sowjetmacht nicht Marx- konform verlief und auch Lenins Hinweise zur Wirkung des Wertgesetzes im Sozialismus ( "Der Wert der Waren ist die... Form, in der sich in letzter Instanz die alle wirtschaftlichen Vorgänge beherrschende Produktivkraft der Arbeit durchsetzt" Marx/Engels , Bd.25,S.904) ) keinen realen Niederschlag in der politischen Ökonomie der UdSSR und damit der Umsetzung in der zentralen staatlichen Planung und in den Beziehungen der Betriebe und Konsumenten fand ( siehe Kalt, S.93 ff. ). Stalins "Grundgesetz" des Sozialismus (1952) , gepaart mit der herrschenden Atmosphäre der Repression, führte zur Erstarrung und Deformation der politischen Ökonomie des Sozialismus - als der wichtigsten theoretischen Grundlage der Warenwirtschaft, auf dessen Grundlage sich die RGW- Ökonomie entwickeln musste.  Die Entartung des Begriffes des "Geldes" als reine Rechengröße war ein unmittelbar daran anschließender grober Fehler. Wenn schon eine Kriegs- Ökonomie für den Sieg über Hitlerdeutschland nützlich war, so war die Sowjetökonomie nach dem Siege für das Sozialismus- System nach 1950 schädlich und ein wichtiger Grund des Zusammenbruchs 1990..

Bis zum Ende der Sowjetunion, der Zeit der Perestroika, wurden die Grundsätze einer echten politischen Ökonomie nicht Politikgrundlage. Zu tief war der Widerspruch, der über Jahrzehnte durch eine Allmacht und Willkür der Planwirtschaft entstand und sackgassenartig immer weiter getrieben wurde. Sehr treffend schreibt ( s. S. 207 ff.) H. Kalt zur Ökonomie der Perestroika (siehe  "Lehrbuch zur Politischen Ökonomie", Politisdat 1988))

".. Auch in dieser kollektiven Arbeit (G.J.:1988!!) ....  wird die Hauptschwäche der sowjetischen politischen Ökonomie, nämlich das Nichtverstehen des Wirkens des Wertgesetzes auch auf den sozialistischen Reproduktionsprozess, nicht erkannt. Dieses objektiv wirkende Gesetz bestimmt - ob es , Professoren und Akademiemitglieder (wie auch Politbüros, Plankommissionen -Anm. G.J. ) nun wollen oder nicht - die optimalen Proportionen der gesamtwirtschaftlichen Reproduktion jeder auf Arbeitsteilung und Austausch aufgebauten Ökonomie, je stärker die Binnenwirtschaft eines Landes in den Weltmarkt einbezogen ist, desto direkter wirkt auch die Wertbildung auf dem Weltmarkt auf die Wertbildung und die auf dieser beruhenden Preise des betreffenden Binnenmarktes ein.

Planung kann unter solchen Bedingungen nur bedeuten, das Wirken des Wertgesetzes im Interesse der gesellschaftspolitischen Ziele der planenden Instanz auszunutzen. D.h. soziale, ökologische usw. Anforderungen können bei Strafe des Entstehens von Disproportionen nicht direkt in die Preisbildung der einzelnen Wirtschaftssubjekte eingebaut werden, sondern müssen auf dem Umweg über die öffentlichen Haushalte durchgesetzt werden. In der gesamten ökonomischen Reproduktion kann nur ein objektiv wirkendes Gesetz, nämlich eben das Wertgesetz die Proportionen bestimmen.

.. Im Sozialismus seien »die Ware-Geld-Beziehungen auf das einheitliche System der planmäßigen Wirtschaftsregulierung "aufmontiert"«, schreiben sie.'" Als ob ein einheitliches System planmäßiger Wirtschaftsregulierung einer hochdifferenzierten arbeitsteiligen Volkswirtschaft ohne Ware-Geld-Beziehung denkbar wäre!.."

 

Selbst eine beinahe totale Abschottung des Sozialismus konnte nicht verhindern, dass die entstehenden Disproportionen unbeherrschbar wurden.  H. Kalt zeigt eindrucksvoll, dass die Defekte der sozialistischen Ökonomie, die Ignoranz des Wertgesetzes und der Ware- Geld- Beziehungen das gesamte System des RGW untergruben. Der "Eiserne Vorhang" hatte wohl primär die Funktion, die subjektiv- dogmatische Entstellung der ökonomischen Gesetzmäßigkeiten des Sozialismus, die bereits nach den Jahren der NEP ("neuen ökonomischen Politik") ca. 1930 begann, so weiterzuführen, dass der sozialistische Wirtschaftsraum mit seiner Pseudoökonomie in sich funktionierte. Damit waren ja auch die Ressourcen bereitstellbar, die der riesige Verteidigungshaushalt erforderte, auch viele soziale Regelungen blieben so umsetzbar. Dieses Ökonomie- System bewirkte, dass eine Integration in die globale Arbeitsteilung (z.B. im High- Tech Bereich) immer aussichtsloser wurde. Die Wirtschaft des Sozialismus geriet immer tiefer in Widersprüche, sowohl  bezogen auf die globale Arbeitsteilung, als auch auf die Prozesse "hinter dem Vorhang". Eine Arbeitsteilung im Rahmen der Weltwirtschaft war und blieb ausgeschlossen, ihr Fehlen führte unweigerlich zu immer schwerwiegenderem technologischen Rückstand, zum Verlust der Produktivität der Arbeit und damit des Wohlstandes der Menschen und vertiefte daher die inneren Widersprüche! 

Auch in der Jelzin- Ära leiteten die wichtigsten hochrangigen Wirtschafts- "Experten" und Berater der Führung Russlands und seines Präsidenten nach ihrer Ideologie- Wende katastrophale Fehlorientierungen zur Entwicklung des Landes ein, weil sie nicht nur die Ökonomie des Sozialismus nicht verstanden hatten, sondern auch nicht die Mechanismen der kapitalistischen Weltwirtschaft und sich neoliberalen "Empfehlungen" westlicher "Berater" öffneten und das Land und seine Menschen dem Schicksal eines Rohstofflieferanten und industriellen Entwicklungslandes entgegengehen musste !

Ein kleines Buch, das durchaus behutsam mit den Werten des Sozialismus- Gedankens umgeht und viele substantielle Antworten auf die Frage nach den Ursachen des Scheiterns des sowjetischen (und europäischen) Sozialismusmodells vermittelt und wiederholt den Hauptgrund klar benennt- die Ökonomie!

 

Eine letzte Facette zum Themenkreis "Geschichte der UdSSR... " soll hier angefügt sein - Publikationen zur Auseinandersetzung mit dem politisch- moralischen Klima der Repressionen, den Verbrechen an Millionen von Bürgern und dem ideologischen Verfall der Sozialismus- Werte in der Zeit der Stalin- Herrschaft. 

Es ist nicht Anliegen dieser Zeilen, und kann es nicht sein , auch nur annähernd die Vielfalt der einschlägigen Veröffentlichungen zu berühren.

So weitverbreitet bekannte Bücher wie

A. Solschenizyn: "Archipel Gulag" (z.B. Fischer Taschenbuch Verlag;  ISBN-10:3-596-18423-1 )

Markus Wolf: "Die Troika" (z.B. Rowohlt ; ISBN 3-499-18800-7),

W. Leonhard: "Die Revolution entlässt ihre Kinder" (z.B. Kiepenheuer &Witsch: ISBN 3-462-01802-7  )

sind Literatur von ganz unterschiedlichen ideologischen Standpunkten, unterschiedlicher literarischer Anlage zum Themenkreis. Diese Bücher, wie auch eine riesige Zahl Publikationen unterschiedlichster Orientierungen - erschienen vorrangig in der Zeit der Perestroika- vermitteln Informationen und Gedanken zu den typischen Schicksalen vieler Hunderttausender Menschen in ihren ganz unterschiedlichen Haltungen zum UdSSR- Staat und zu den unmenschlichen Verbrechen der Zeit um die Herrschaftsperiode Stalins.

 

Jegor Kusmitsch Ligatschow "Wer verriet die Sowjetunion" ( Das Neue Berlin; ISBN 978-3-360-02153-3)

WEr verriet TitelЕ. К. Ligatschow, Mitglied des Politbüros des ZK der KPdSU von 1985 bis 1990 , war einer der Mitgestalter der Anfänge der Perestroika und der erste der führenden sowjetischen Persönlichkeiten, der die Verderblichkeit des Kurses M. Gorbatschows , den Weg in den Abgrund der UdSSR erkannte. Er trat  entschlossen gegen die Politik der Zerstörung der Union auf und kannte keine Furcht, den Zerstörern entgegenzutreten. Die harte politische Kontroverse zwischen Ligatschow und B.Jelzin ist ein bleibendes Ereignis der Periode der Perestroika. Leider wurde sein Ausruf "Boris, du hast nicht recht!" zur Prophezeiung für das Schicksal des Staates, den kurze Zeit später Jelzin führte. Im o.g. Buch berichtet Ligatschow über all das vor dem Gericht der Geschichte, aber er teilt auch seine Gedanken über Gegenwart und Zukunft Russlands mit dem Leser.

Das Buch hilft uns sehr, die Macht- Mechanismen in der Zeit nach Chruschtschows Machtübernahme, Politikziele und strategische Fehler der Führung aus  Sicht eines sehr kompetenten Kenners der Sowjetwirtschaft, eines exzellenten Kenners der Arbeit des inneren Machtzirkels  im Kreml und am "Staraja Ploschadj" ( Sitz des PB des ZK der KPdSU) besser zu verstehen. Man kann behaupten, dass viele bislang für Außenstehende unverständliche Vorgänge durch die ehrlichen und kritischen Analysen und Darstellungen Ligatschows eine Antwort erhalten. Es stellt auch viele Sachverhalte u.E. mit der erforderlichen Kompetenz dar, wie es auch bekannten deutschen Sozialisten nicht gelingen kann !

Die Stärken Andropows, die Defizite des Partei-Bürokraten Tschernenko und die Eitelkeiten und Wankelmütigkeit von Gorbatschow erfahren eine interessante Analyse.

Vom Mitglied des Politbüros des ZK der  KPdSU, längere Zeit als zweiter Mann nach Gorbatschow tätig, lesen wir Darstellungen des Wirkens von Andropow  der echte Ansätze einer Reform des Sowjetsystems begann, dessen kluge  Reformpolitik und die Chancen, die nach dem Versagen von Chruschtschow und Breshnew durchaus für das sozialistische Lager bestanden. Er zeichnet neben einer tiefgründigen, auf den Grundlagen des Marxismus basierenden Analyse des Sowjetmodells das reale Potential einer echten Reform des Sozialismus. Wertvoll ist besonders die Darstellung der Errungenschaften des sozialistischen Aufbaus- vor allem in Sibirien-  und der Anstrengungen vieler Parteikader, in einem kontinuierlichen Prozess die sozialistischen Wirtschaftsstrukturen in der Startphase der Perestroika unter den Bedingungen einer einheitlichen UdSSR zu reformieren.

Schilderungen und Analysen zu den zwei wesentlichen Phasen der Perestroika- Politik unter Gorbatschow öffnen dem Leser den Blick auf viele Aspekte der Innenpolitik, wie sie Ausländern in der Zeit der gezielten Gorbi- Euphorie sehr wenig bekannt waren. Gorbi- Euphorie bestanden sowohl bei den Verfechtern eines neuen, aber realen Sozialismus- Modells, aber auch gezielte Lobpreisungen bei den Feinden im westlichen Blätterwald gehören zu diesem Bild. Und man war ganz offenbar in Washington nicht unbeteiligt an der ideologischen Unterwanderung der UdSSR. Es ist auch für einen UdSSR- Kenner überraschend, mit welcher Dynamik Massen- Medien halfen, die ersten notwendigen und ehrlichen Schritte der Auseinandersetzung mit Stalins Verbrechen (nach dem Chruschtschow- Parteitag ) schrittweise hinzulenken zu einer allgemeinen Verdammung der kommunistischen Partei, des Staates "UdSSR", seines Systems.

Die Balance zwischen Reform und Demontage eines Gesellschaftssystems gelingt offenbar nur bei Dominanz einer klaren Gesellschafts- Konzeption, diese fehlte , zumindest eine konsequente Umsetzung mehrfacher vielversprechender Ansätze.Diese wurden gezielt "nationalistisch und antisozialistisch infiziert". Viele Fakten konterrevolutionären Handelns in der Ära Gorbatschow und unter dessen aktiver Beteiligung werden deutlich.

Jegor K. Ligatschow zeigt aber zugleich Wege und Konzepte, die mit hoher Wahrscheinlichkeit mit der Kraft und den Möglichkeiten des bestehenden Sozialismus, d.h. bei Erhalt des gesellschaftlichen Eigentums an den Hauptproduktionsmitteln und einer auf Schwerpunkte gerichteten zentralen Planwirtschaft  und mit einer reformierten kommunistischen Partei eine schrittweise sozialistische Umgestaltung neuen Typs ermöglicht hätten. Sie zeigen, wer letztlich Feind der sozialistischen Umgestaltung war!

Leider funktionierte die russische Zentralismus - Machtpyramide bis 1990 ( und  dann auch unter Jelzin) noch so, wie lange Zeit in der russischen Geschichte unter der Macht des Zaren! Und wir lernen, dass es den Millionen Sozialismus- treuer Sowjetbürger und dem übergroßen Teil  der Sozialismus-Verfechter in den Reihen des ZK der KPdSU nicht gelang, sich gegen den "Stempel des Konservatismus" nicht nur  erfolgreich zu verteidigen, sondern auch das Übergewicht des Handels gegen die Konterrevolution unter Jakowlew und Medwedjew zu gewinnen. 

Auch die Rolle A. Jakowlews wird im Buch ausführlich beschrieben, als Steigbügelhalter des Hauptschuldigen am Zusammenbruch der UdSSR und des Sozialismus als Grundmodell in der UdSSR. Indirekt versteht man auch, warum in  zentralen Massenmedien in breiter Front antikommunistische Schreiberlinge das Sagen erhielten - ein marxistischer Klassenstandpunkt war in über 40 Jahren durch übertriebenen Nationalismus, Großmachtdenken und Karrieristentum, Defizite einer klaren ideologischen Haltung verdrängt worden...

Die Antwort auf die Titel- Frage des Buches sei vorweg genommen:" ... Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Doch mit der Zeit hat sich die Antwort herauskristallisiert- Gorbatschow." (vgl. dort,  S.292)

Im Abschnitt " Das Scheitern der Perestroika- Konstruktionsfehler des Systems oder Fehler der Führung?" findet der Leser in ungewöhnlich konzentrierter Form wichtige Antworten auf oft gewälzte Fragen... .

 Lesen Sie jedoch auch das ganze Buch, es ist sehr aufschlussreich, auch sein abschließender Epilog zur Analyse der heutigen Pseudo- Demokratie Russlands!

Das gesamte Buch in Russisch steht  hier zur Verfügung

 

Im o.g. Buch lesen wir viel zur Rolle B. Jelzins, neben A. Jakowlew in bestimmter Weise der politische Hauptkontrahent Ligatschows. Daher war ein Blick in die gesammelten Unterlagen der 19. gesamtsowjetischen Konferenz der KPdSU ( Moskau,  Juni 1988) ein interessanter Ausflug in die Geschichte. 4991 Delegierte aus allen Organisationen der KPdSU des großen Landes diskutierten- zu einer Zeit auf dem Gipfel der  Entfaltung der Perestroika-... .

Die Sammlung

"Offene Worte"  Gorbatschow, Ligatschow , Jelzin und 4991 Delegierte diskutieren im  Juni 1988 über den richtigen Weg...

(ISBN 3.89190-701-x [2000]  Verlag "GRENO 1020"

zeigt in großer Breite die damals zur Lösung anstehenden Probleme der Entwicklung des Sozialismus in der UdSSR, der "... unaufschiebbaren Maßnahmen.." zur Realisierung der Beschlüsse des 27.Parteitages der KPdSU, der Reform des politischen Systems, der Demokratisierung der Gesellschaft, des Kampfes gegen Bürokratismus, der Nationalitätenpolitik, der Rechtsordnung u.a..

Viele Beiträge zeigen -im Rückblick heute besonders deutlich sichtbar, dass die führenden Köpfe der Partei damals noch in Denkschemata verfangen waren, die keine offene Kritik an den führenden Personen der Partei möglich erscheinen liesen- wie wir heute wissen- eine verhängnisvolle Ignoranz !

 

Der Beitrag Boris Jelzins auf dieser Konferenz

Boris Jelzin

Diskussionsrede auf der 19. Gesamtkonferenz der KPdSU

erscheint im Kontext der Analyse daher als besonders bemerkenswert, in vieler Hinsicht im Sinne der positiven Zukunft der sozialistischen UdSSR! So enthalten z.B. seine Thesen- die Perestroika sollte in der Partei beginnen und die Demokratisierung sollte mit einer jüngeren, neuen  Parteispitze einhergehen- im Nachhinein gesehen- einen goldenen Kern! Der (leicht gekürzte) Beitrag B. Jelzins ist hier hinterlegt.Es wäre wohl auch sehr hilfreich gewesen, wenn man im Politbüro der SED diese Rede - 18 Monate vor dem Mauerfall- besser verstanden hätte. 

Wer die Rolle B. Jelzins,  sein mutiges Auftreten während des Putsches der Gruppe um Janajew (1991)verfolgen konnte, seine klaren, auf konkretes Handeln gerichteten Worte hören konnte, der kennt auch den extremen Widerspruch zu den weitschweifigen und unkonkreten Auftritten Gorbatschows. Und seine "Rettung" Gorbatschows als Präsident der UdSSR in dieser Situation war ein Meilenstein auf dem Wege der Wende in Russland, der Zerschlagung der UdSSR, des Verbotes der KPdSU....

Welche Gründe auch immer B. Jelzin Anfang der 90- ziger Jahre zum Verräter an den Ideen des Sozialismus werden ließen, 1988 war er auf der Seite tiefgreifender Reformen des Sozialismus. Seine Rede ist nicht nur eine kritische Auseinandersetzung mit vielen Missständen, seine Vorschläge wurden offenbar allzu leicht ignoriert bzw. unterwandert.

 

Oftmals stößt man heute im Kontext dieses Themas auf die Publikation von   A. Jakowlew: "Ein Jahrhundert der Gewalt in Sowjetrussland" ( ISBN -10: 3-8333-0389-1 , 2006 ),  

Diese sollte man mit deutlicher Distanz und kritischem Abstand lesen, weil ihr Autor letztlich als enger Vertrauter und Ideologe Gorbatschows als ein Verräter an der Sache des Sozialismus in die Analen der Geschichte eingegangen ist. Das ist wohl der Grund , warum er im Westen spektakulär mit Lob überhäuft wird. Seine Ernennung zum Chef des Kommitees zur Rehabilitierung der Verfolgten des Stalinismus erhielt er übrigens von Jelzin .  Es ist aber anzunehmen, dass Jakowlew bereits in der Ära Gorbatschow geschickt die Verbrechen der Stalinzeit zur breiten ideologischen Demontage des Sowjetsystems und des Sozialismus im Allgemeinen nutzen lies. Jelzin beauftragte ihn also mit der Weiterführung dieser "Arbeit".

Wenn man die Rolle Jakowlews als "Berater" Gorbatschows und Drahtziehers eines konterrevolutionären antisozialistischen Kurses kennt, liest man das Buch ohnehin mit der gebotenen kritischen Distanz. 

Die Darstellungen des Buches von Jakowlew basieren auf dessen Zugang zu zentralen Geheim- Archiven der Sowjetzeit und dokumentieren den menschenverachtenden Terror gegen Millionen von Menschen. Derartige Verbrechen im Namen der Sozialismus- Idee mussten wesentlich zum Zusammenbruch eines grundsätzlich humanistisch orientierten Systems beitragen, in dem sich die besten Köpfe der Gesellschaft zum Wohle der Gesellschaft engagieren müssen, an der Spitze der Prozesse ! Es bleibt daher eine besondere, unvorstellbare Leistung der sowjetischen Menschen, dass unter derartigen Umständen der Hitlerfaschismus besiegt wurde - nicht wegen des inneren Terrors, sondern trotzdem!

Wichtig ist auch zu wissen: A. Jakowlews war in der zweiten Phase von "Glasnost und Perestroika" ein enger Vertrauter Gorbatschows, in einer Phase, wo er auch die mächtige "graue Eminenz" im Kreml wurde. Er riss entscheidende Macht an sich, nutzte geschickt persönliche Schwächen von Gorbatschow  und  instrumentalisierte die ideologische Wirkung der Medien , steuerte diese unter dem Schirm von "Glasnost" Schritt für Schritt in eine antisozialistische Richtung und das Sowjetsystem und ihre Reichtümer in die Hände von Kriminellen und Intriganten. Seine Tätigkeit als langjähriger Botschafter der UdSSR in Kanada hatte offenbar mehrere Facetten.

Man sollte das Buch erst lesen, nachdem man Ligatschows Buch kennt und dessen Meinung zum Verräter Jakowlew! Auch der langjährige Chef der Auslandsaufklärung des KGB, und bis 1993 Mitglied des Politbüros der KPdSU , Vladimir A. Krjutschkow, ordnet in seinen sehr tiefgreifenden Erinnerungen (ISBN 5-699-01995-2) die Person A. Jakowlews der Gruppe der Berater und Vertrauten von Gorbatschow zu, die letztlich zu  Verrätern an der Sache des Sozialismus in der UdSSR, der Verantwortlichen an der ideologischen und staatlichen Zerstörung, am Untergang der UdSSR und am Verlust der gewaltigen Errungenschaften der Bürger der UdSSR beim Aufbau eines neuen Lebens wurden.

Das Sowjetsystem mit seinen Millionen  Menschen vollbrachte, und das ist wohl das Wichtigste, die  Überwindung der katastrophalen Rückständigkeit Russlands und schuf eine Großmacht, die neben ihren Gesamtressourcen vor allem eine neu geschaffene leistungsfähige Schwer- und Rüstungsindustrie nutzen konnte, um den Hitlerfaschismus zu besiegen und heute z.B. zusammen mit den USA über die führenden Weltraumtechnologien verfügt. In Fortsetzung der großen Traditionen der Intellektuellen und Kulturschaffenden Russlands von Ende des  19.- Anfang des 20  Jh. gestaltete die Sowjetgesellschaft einen gewaltigen Schub im kulturellen und geistigen Niveau der breiten Bevölkerung. Diese Seite der Geschichte ist aber für Jakowlew kein Thema.  

Eine ausgewogene Darstellung der Geschichte? Wie wir auf dem Cover lesen, ein Buch ... "aus der Feder jenes Mannes, der selbst Teil des sowjetischen Systems war, der vielen als Vater der "Glasnost und Architekt der Perestroika" gilt und der nun schonungslos und radikal ... mit der sowjetischen Vergangenheit abrechnet". Allerdings- so wissen wir, führte die  Gratwanderung der Perestroika zum "Absturz". Ohne notwendige konzeptionelle und ideologische Führung der Gesellschaft und ohne Wiedergewinnung des Vertrauens der Menschen konnte ein derartiger  "Marsch über die Alpen"  nicht gelingen.

Jakowlew - Teil des Systems?? Man kann den antisozialistischen Grundtenor und viele Schlussfolgerungen des Buches einfach nicht akzeptieren! Es zu kennen ist aber zweifellos wichtig, denn es veröffentlicht "authentische Argumente" in der ideologischen Auseinandersetzung der Systeme- gegen eine sozialistische Gesellschaftsordnung. Diese erschweren zweifellos eine Argumentation gegen Neo-Finanzimperialismus und soziale Ungerechtigkeit. Aber sie müssen dennoch als geschichtliche Wahrheit für Schlussfolgerungen und Lehren genutzt werden, vorrangig gegen menschenverachtende Diktaturen!

 

Jetzt verstehen wir besser, warum Jakowlew - neben Gorbatschow- bei westlichen Regierungen eine hohe Würdigung erfährt.

 

Auf der ständigen Suche nach relevanten Publikationen stellte das Buch

Leo Trotzki " Verratene Revolution" (Trotzki- Bibliothek;  ISBN 978-3- 88634-105-4)

eine (unerwartete) Entdeckung dar. Leo Trotzki, Organisator des militärischen Oktoberaufstandes der Bolschewiki 1917 in Petrograd, Kriegskommissar der Roten Armee (1918) im Kampf gegen 14 Invasionsarmeen, intelektuelles Schwergewicht in der Spitze der KPdSU und enger Verbündeter Lenins im Kampf gegen eine neu entstehende Sowjet- Bürokratie (1923) usw., war für mich (geprägt durch die totale und systematische Verurteilung Trotzkis in der Propaganda in der UdSSR und DDR als Schädling der KPdSU ) bis "gestern" ein Vertreter Sozialismus- feindlicher Standpunkte. Um so mehr bestätigt sich mit den ersten Seiten der Lektüre die Einschätzung (vgl. Cover) , dass nur..  "wenige Werke der politischen Literatur vor der Geschichte so glänzend bestanden"  haben in der Analyse der Struktur und Dynamik der sowjetischen Gesellschaft. Insbesondere die Rolle der "Sowjet-Bürokratie" erfährt bereits sehr früh eine vernichtende Kritik!  

Bestechend klar ist nicht nur die Sprache und die Logik der Analysen Trotzkis, dass nur starke wirtschaftliche Grundlagen und überragende Produktivität der Arbeit die Ideale einer sozialistischen Gesellschaft für die große Mehrheit des Volkes verwirklichen können. Klar ist auch die Schlussfolgerung , dass Russland dafür einen langen schwierigen Weg aus der Rückständigkeit gehen muss. In diesem Zusammenhang denkt der Leser sofort an die unglaublich hohen materiellen und menschlichen Opfer, die in der UdSSR unter Stalin zur schnellstmöglichen Schaffung einer eigenen Schwerindustrie und des Maschinenbaus zu Beginn der Stalinzeit erbracht wurden. Diese Politik war zwar eine logische Konsequenz  aus dem Aufbau des Sozialismus in einem Lande, ein langer dornenreicher Weg, aber die Verbrechen an Millionen Menschen in Lagern und unter Zwangsarbeit verurteilt er auf das schärfste (s.u. "Das Schwert der Diktatur... ").

Seine scharfe Opposition gegen die Thesen vom Aufbau des Sozialismus  in nur einem Teil der Welt erscheinen heute eher zweitrangig und seine Vorstellungen von einer Weltrevolution (!) , als Basis für eine neue Welt- Wirtschaftsordnung, waren idealistisch, die Ziele der IV. (kommunistischen) Internationale utopisch und für den Marxismus schädlich. Und doch enthält die Weitsicht Trotzkis eine Vorahnung der Prozesse der Globalisierung und deren gravierenden Einfluss  auf die Vertiefung des technologischen Wettlaufes der Systeme.

 

Trotzkis Gesellschaftsanalyse der UdSSR ist vom Grundsatz vor allem ein beeindruckendes Dokument historischer Fingerzeige und Zielstellungen, deren konstruktive, demokratische Diskussion in der KPdSU und UdSSR (aus heutige Sicht) wichtige alternative Weichenstellungen und Reformen angestoßen hätten, die auch nach dem XX. Parteitag (Chruschtschow- Rede) nicht eingeleitet wurden.    

Aus der Sicht des Jahres 1936 (!) kommt er auch zu der wesentlichen Schlussfolgerung, dass sich in der UdSSR eine antidemokratische bürokratische Oberschicht als eine fest etablierte soziale Schicht gebildet hat, deren Ziel der unbedingte Ausbau ihrer persönlichen Macht und Privilegien ist . Es hatte sich bereits Ende der 20-er Jahre eine neue Bürokratie gebildet, die sich aller Machtmittel des Staates bediente. 

" .. Eben diese letzten Revolutionäre... werden von den Generälen und Obersten der GPU .. konterrevolutionärer Tätigkeit im Interesse des Imperialismus geziehen" 

".. Das Schwert der Diktatur, das früher jene schlug, die die Privilegien der Bourgeoisie wiederherstellen wollten, wird jetzt gegen die gerichtet, die sich gegen die Privilegien der (G.Ju.: neuen sowjetischen ) Bürokratie auflehnen..." ( vgl. Kapitel "Wohin treibt die UdSSR? S. 275)

Die Gefahr des Verlustes marxistischer Grundideologien und die Gefahr der Restaurierung einer kapitalistischen Ordnung wurde von Trotzki sehr deutlich umrissen.

Letztlich werden die wesentlichen Konturen, wenn auch nicht erschöpfend,  einer Antwort auf die Frage deutlich, warum die Persönlichkeit Stalins und seiner bürokratischen Oberschicht in der UdSSR stärker waren, als der klare Verstand und revolutionäre Geist einer Gruppe "extrem linker" Marxisten um Trotzki. Unfassbar, warum tausende derartig exzellenter Köpfe unter Stalin vernichtet wurden, anstatt eine konstruktive  Diskussion auf demokratischer Grundlage zu  Grundsatz und Zielen bei der Führung des jungen Staates zu machen!

Aus heutiger Sicht, 75 Jahre später, (leider) eine sehr zutreffende Prophezeiung! Sehr empfehlenswert ist auch die Lektüre der Anhänge und der Zeittafel zum Buch.

Wer sich ausführlicher mit den Aktivitäten der KPdSU zur Reform des Staatssystems und der Einführung einer echten Demokratie in der Phase der Perestroika befasst, der wird sich die Fragen stellen, warum Trotzkis Mahnungen erst zu dieser Zeit wieder (indirekten) Eingang in die Politik fanden? Und es  stellt sich auch die Frage, ob die Verantwortlichen der DDR den Mut hatten, sich z.B. mit Thesen zur wahren Demokratie im Sozialismus auseinanderzusetzen.