Der kalte Krieg und die Geheimdienste

Aspekte-70 Rechentechnik der DDR im ESER  

Der kalte Krieg und die Geheimdienste

 

Auf dieser Seite finden Sie Kommentare zu Büchern von

- Markus Wolf:Spionagechef im kalten Krieg; Im eigenen Auftrag ; Freunde sterben nicht.

- Werner Grossmann Bonn im Blick" - Die DDR-Aufklärung aus der Sicht ihres letzten  Chefs.

- H. Müller/ M. Süß/ H. Vogel :"Die Industriespionage der DDR"Die wissenschaftlich- technische Aufklärung der HVA

- Ch. Andrew, W. Mitrochi Das_Schwarzbuch_des_KGB:

- Julius Mader - Dr.- SORGE-REPORT
 
Auf den  ESER- Seiten der Domäne (eser-ddr.de) wurde an verschiedenen Stellen nicht nur der enge Zusammenhang der Entwicklung des ESER mit der Politik und Wirtschaft der UdSSR dargestellt, sondern auch mehrfach die Besonderheiten der Nutzung der Industriespionage, wie heute üblicher Sprachgebrauch
(vgl. Zur Arbeit mit Prototyp-Unterlagen ), für die Unterstützung und Beschleunigung von Entwicklungs-  und Technologieprojekten im Bereich der IT/ Mikroelektronik. Dieser Aspekt soll hier nicht vertieft werden, obwohl er auch diese Betrachtungen  natürlich tangiert. Es soll der Focus auf Publikationen gerichtet sein, die u. E. die Arbeit und Ergebnisse sozialistischer "Dienste" der Auslands-Aufklärung  besser verstehen helfen.
Geheimdienste von Staaten existieren, so sagen es gewöhnlich übliche Betrachtungen, so lange es Fürstentümer, Kaiserreiche oder Staaten gibt, sie seien das (zweit-) älteste Gewerbe der Welt, ausgerichtet auf den Erhalt und Festigung der Macht und der Interessen ihrer Herrscher. Sie bedienen (also " ..dienst", "services"  ) ein breites Spektrum von strategischen Interessen der Mächtigen, sowohl von Staaten oder auch Unternehmen.
Am Anfang meiner "Lesezeit" stand  weitgehend die Suche nach dem Verständnis der "inneren Prozesse" an der Spitze der sozialistischen Machtstrukturen. In der Periode des kalten Krieges waren diese Prozesse weitgehend geheim. Neuere  Informationen wurden  Autoren publiziert , die ihr Wissen zum Wirken des KGB und seiner Vorgänger - als Element der Sicherung der UdSSR gegen Angriffe und Feinde, aber auch der Zerstörung des sowjetischen Sozialismus- Modells heute offenlegen.
Die unheilvolle Rolle von Teilen dieser Organe bei Repressionen und Verletzungen der Menschenrechte steht heute im Mittelpunkt vieler Publikationen und Medienberichte. Anteilig berührt der vorstehende Beitrag (vgl.: Die Geschichte der UdSSR, über den Stalinismus  und die Rolle der KPdSU bis 1990 ) dieses Thema, in diesem Artikel soll das nicht erörtert werden.  Die sehr oft tendenziös , DDR- feindlich gefassten Darstellungen zum o.g. Thema stehen hier grundsätzlich nicht zur Betrachtung.
Von bestimmender Bedeutung  für das Thema dieser Betrachtungen ist dagegen die Tatsache, dass die DDR als Mitglied des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) und des Warschauer Paktes ein Bestandteil des sowjetisch geprägten  "Ostblockes" war- ihre wesentlichsten System- Elemente, wie die Leitung von Wirtschaft und Staat, Struktur der Staatsorgane sowie ihr Sicherheitssystem wurden von der UdSSR bestimmt. Die Westgrenze der DDR war die Trennlinie der Systeme mit all ihren Konsequenzen, die DDR war weitgehend ein Satellit im UdSSR- System. Das bestimmte im besonderen Maße  die Zielstellungen der Aufklärungsdienste der UdSSR und DDR und auch deren Arbeits- Beziehungen.
Kompetente, sachliche Informationen zur Arbeit des überwiegenden Teiles der Mitarbeiter dieser Organe, besonders des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, im Sinne des Dienstes an ihrem Staat sind jedoch im Meer der Publikationen eher eine kleine Nische. Die Mitarbeiter der "Dienste" hatten das Ziel, Informationen zwecks Erhaltung eines annähernd politischen und militärischen Gleichgewichtes der Systeme , ihrem Staat zu dienen, vor Beginn und während des  Krieges der Faschisten gegen die halbe Welt durch Dienste der UdSSR, aber auch der Westmächte, danach unter den extremen Bedingungen der Konfrontation am Rande eines atomaren Weltkrieges.  Bezüglich einer Buchauswahl steht hier also ein Versuch, eine kleine, absolut nicht repräsentative Auswahl der Literatur zum Thema "Kompetente, sachliche Informationen zur Auslands-Aufklärung " und zum Thema "Kalter Krieg" zusammenzustellen, Hilfe zur Analyse der Wahrheit über 40 Jahre Geschichte in Deutschland , 45 Jahre Weltgeschehen, 70 Jahre UdSSR...
Einen vorderen Platz zum o.g. tieferen Verständnis der Dinge nehmen u. E. nach wie vor Bücher ein von

Markus Wolf:
  • " Spionagechef im geheimen Krieg" (1997: ISBN  3896021850; Verlag Schwarzkopf&Schwarzkopf)

  • " In eigenem Auftrag". Bekenntnisse und Einsichten (1995:  ISBN:3-89602-185-0,Verlag Schwarzkopf&Schwarzkopf" )
  • " Freunde sterben nicht " (ISBN 3-360 00983-5;  Verlag Das neue Berlin  )

Diese Auswahl soll nur stellvertretend für weitere stehen.
Nach dem Ausscheiden aus dem Dienste des MfS/ Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) 1986 wandte sich Markus Wolf bekanntlich zunächst in seinem bekannten Buch "Die Troika" der Aufarbeitung seines persönlichen Vermächtnisses gegenüber seinem Bruder Konrad und des gemeinsamen Lebens in der Kindheit und Jugendzeit in der UdSSR zu, dem Schicksal dreier Freunde in drei Teilen der Welt. Vermutlich hegte er den Wunsch schon länger, publizistisch tätig zu sein. Einen Höhepunkt seines politischen Engagements nach 1986 und persönlicher Courage bildete dann seine bekannte Rede am 04.November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz, in der er für die Gestaltung einer reformierten sozialistischen Ordnung unter den entstandenen Bedingungen in der DDR eintrat und sich schützend vor die Mitarbeiter der HVA stellte.  Die Chronik des alles verändernden Jahres 1989 ist Kern des Buches "Im eigenen Auftrag". Seine Bücher zu Themen aus der Zeit hauptsächlich vor 1986 bieten dem Leser Darstellungen der verschiedensten Facetten des Wirkens des MfS und speziell der HVA. Viele unbekannte Fakten aus dem inneren Zirkel der Parteiführung, zu den Beziehungen zum sowjetischen Geheimdienst und seinen Vertretern in Berlin, zur Arbeitsweise seiner Hauptverwaltung geben lesenswerte Einblicke. Vor allem aus den beklagten Widerspruch zwischen hoher Qualität der Arbeit der unteren und mittleren Ebenen und dem Unvermögen und der Ignoranz der Verwertung dieser Ergebnisse auf den höchsten Ebenen des Politbüros kann man Erkenntnisse zu einigen Ursachen des Zusammenbruchs der DDR ziehen.
Beeindruckend zu lesen ist auch die Art der Arbeit mit den "Quellen" der Informationen, mit Menschen, die in aller Regel politisch und ideologisch und auf Grundlage des tiefen Glaubens an den Frieden-erhaltenen  Charakter ihrer Tätigkeit für die DDR motiviert waren und hohe persönliche Risiken und Einschränkungen in Kauf nahmen.
Sein Buch "Freunde sterben nicht" ist wohl das persönlichste seiner Veröffentlichungen, mit vielen warmherzigen Erinnerungen an Weggefährten und Mitstreiter, aus der Sicht eines fortgeschrittenen Lebensabschnittes, eine sehr menschliche Darstellung einer sehr anspruchsvollen Arbeit als langjähriger Aufklärungschef der DDR.  I Irritationen oder Verwunderung ruft u.U. der Text von M. Wolf in "Spionagechef .. " hervor, wie auch Werner Grossmann (s.u.)anmerkt, wo M. Wolf feststellt, dass ihm schon in Jahrzehnten zuvor bewusst geworden sei, dass ein Niedergang der DDR nicht aufzuhalten sei und er in der Weiterführung seiner Position keinen Beitrag zum Stopp dieser Entwicklungen hätte leisten können. Offenbar ist damit genau jene Position gemeint, in der militärischen Hierarchie unter Mielke und dem politischen Klima unter Honecker. Es ist Markus Wolf mit seinem Dokumentations- Gesamtwerk u.E. aber gelungen, die Wirklichkeit der Aufklärungsarbeit des Auslandsgeheimdienstes der DDR mit seinen vielen Mitarbeitern und Freunden so darzustellen, wie es  DDR- verbundene Menschen immer erwartet haben - mit sauberen Händen, ehrlicher Überzeugung für eine gute Sache und professionell, die Arbeit eines Aufklärungsdienstes, der sehr oft als der beste und erfolgreichste seiner Epoche eingeschätzt wird. Wenn sich heute Leute BRD- konform fühlen, wenn sie sich im Sinne der immer noch vorherrschenden und geschürten Hetze gegen die Mitarbeiter des MfS, einschließlich der HVA und damit auch zu Markus Wolf artikulieren, so kann man ihnen nur ein sehr eingeschränktes, verzerrtes  Geschichtsbewusstsein unterstellen. Vorwürfe an M.Wolf, nicht mehr getan zu haben, sind absurd. Oder glaubt irgendwer, dass es im Gefüge des RGW und des Warschauer Paktes unter Dominanz der UdSSR und des KPdSU- Politbüro möglich war, aus seiner Position in der DDR heraus wesentlichen Einfluss auf eine Reform des Sozialismus auszuüben? Die Darstellungen der Bücher von M. Wolf zeigen uns, warum die BRD- Oberen sich ab 1990, gegen jedes Völkerrecht und gegen jedes Rechtsverständnis, wütend auf die führende Persönlichkeit der DDR- Auslandsaufklärung stürzten! Man konnte die Niederlagen des BND gegen die HVA der DDR einfach nicht verschmerzen. Als Antwort, warum trotz enormer Leistungen solcher Menschen wie Markus Wolf und vieler anderer Menschen, die durchaus in einflussreichen Positionen waren, keine Korrekturen von Politik und Strategie in der DDR erreichen werden konnten, findet man auch in diesen Büchern viele Teile eines mehrdimensionalen großen Puzzle. Ein Gesamtbild wird man nicht finden, wahrscheinlich nirgendwo !

Hieran unmittelbar anschließend möchte ich zum Buch:

Werner Grossmann: "Bonn im Blick" - Die DDR-Aufklärung aus der Sicht ihres letzten  Chefs. ( Das neue Berlin, ISBN 978-3-360-01905-9)  sagen:
Ein erstaunlich offenes, sehr parteiliches  Buch! Werner Grossmann hat mit seinen persönlichen Erinnerungen, Fakten und Standpunkten zu den Zielen, zur Arbeitsweise und episodenartig zu den Ergebnissen der HVA des MfS der Öffentlichkeit sehr viel Neues  unterbreitet. Vor allem die Zeit seines Wirkens als Stellvertreter des Chefs der HVA (ab 1984) bzw. als ihr Chef (ab 1986) ist bemerkenswert - und bis nach 1990. Überraschend liest sich bereits das Geleitwort des letzten Vorsitzenden des KGB, Wladimir Krjutschkow, seine typisch sowjetische Würdigung für Werner Grossmann. Und sollte etwa die darin artikulierte Anklage (aus 2006)gegen M. Gorbatschow der eigentliche Beweggrund von W. Grossmann sein, W. Krjutschkows Worten einen Ehrenplatz einzuräumen...   ?  W. Grossmann  überzeugt uns mit einer anderen Art des Schreibens, lakonisch kurz, sehr ehrlich und parteilich, detailreich und zutiefst menschlich,  wohltuend und sehr informativ. W. Grossmann  zeigt, dass die Ziele der Aufklärungs- Dienste einen umfassend friedenssichernden Charakter hatten, von vielen talentierten Mitarbeitern und Freunden der DDR getragen und als deutlich selbständiger Teil des MfS und ohne Gesetzesverletzungen agierend, zutiefst seinen Mitarbeitern und den vielen Helfern der HVA verbunden. Und besonders wichtig: das o.g. Puzzle wird durch viele Details zur Zusammenarbeit der unterschiedlichen Dienste des MfS und mit DDR- Spitzen, der Rolle und der Leistungen von E. Mielke, aber auch zu den Enttäuschungen ergänzt, die Werner Grossmann in der Zusammenarbeit mit  seinem KGB- Partner in Moskau erleben musste! Ist etwa die Anklage W. Krjutschkows gegen Gorbatschow im Geleitwort eine verspätete Entschuldigung für den Verrat an der DDR, die 1989 in Moskau politische Doktrin wurde, zu einer Zeit, wo noch viele Menschen in der DDR mit der  Hilfe der UdSSR unter "Gorbi, Gorbi " - Rufen mit einem alternativen sozialistischen Weg rechneten? Sehr ehrlich seine Erinnerungen, welcher Widerspruch zwischen weitverbreiteten kritischen Gedanken zur DDR- Politik im "kleinen Kreis" - auch im MfS- einerseits , und andererseits dem Mut, den Möglichkeiten und persönlichen Konsequenzen eines öffentlichen Auftretens mit solchen Gedanken für Funktionsträger in der DDR bestand - eine typische, weit verbreitete Situation.
Das MfS und die Parteiführung kannten die Situation im Lande sehr genau, nur wenige alte Herren wollten und konnten sie offenbar intellektuell nicht mehr erfassen! Man hoffte in HVA/ MfS- Kreisen auf eine sog. "biologische Lösung" . ( In der UdSSR war eine derartige "Lösung" über viele Jahre extrem schädlich, das war auch in der DDR bestens bekannt! Also warum dann...  ?? Ein Stück einer Antwort gibt W. Grossmann am Schluss- vgl. unten) .
Die Darstellungen zu seinen persönlichen Entscheidungen, von denen W. Grossmann beim Zusammenbruch des MfS und dessen Auflösung unter Regie des "Runden Tisches- AG Sicherheit" berichtet, beleuchten auch den höchst brisanten Zeitabschnitt im Herbst 1989/1990  aus erster Hand. Im engen Zusammenhang mit den Berichten zu den Repressalien und massiven Werbeversuchen, unter denen er als Spitze der HVA vor und nach dem 03.10.1990 (Verhaftung) unter den neuen Herrschern stand, klingt oft seine Wut und maßlose Enttäuschung über die (wenigen) Verräter aus den Reihen der Wissensträger des MfS. Seine Ehre als Offizier, sein Gewissen als Spitzen- Vertreter der guten Ziele der DDR hat er auch gegen enorme DM- Summen nicht verkauft, das Schicksal und die Ehre der Menschen seines Verantwortungsbereiches waren wertvoller! Und den Vorwurf von Herrn Gauck, damals noch Stasi- Unterlagenverwalter/ -Verwerter, die HVA habe die offiziellen Dienststellen bei ihrer Auflösung getäuscht, kann man nur so lakonisch kommentieren, wie eben W. Grossmann. 
Die Darstellungen des Vorgehens der Organe des Staates und der bundesdeutschen  Justiz bei der Abrechnung mit den leitenden Mitarbeitern der HVA stellen einen zusätzlichen Abschnitt des Buches dar. Was konnte man, mit gewissen Ausnahmen, auch von Leuten erwarten, die den Antikommunismus höher stellen, als ein ehrliches Bemühen, im zusammengefügten Staat auch allen den Menschen eine ehrliche Chance zu geben, die wesentlich beitrugen, dass an der Grenze der beiden Systeme deren Konfrontation nicht eskalierte, dass sich kein atomares Inferno entstand, nicht auf  auf deutschem Boden, nicht im Weltmaßstab! Und warum wohl ist die von Minister Kinkel gestellte Aufgabe der De- Legitimierung der DDR- bis hin zur Gleichsetzung von Nazi- und SED-Diktatur durch einen Minister- noch immer Staatspolitik?

Mit jeder neuen Seite des Buches werden Fakten und Gedanken deutlich, die das o. a. komplizierte Puzzle der Suche nach den Ursachen und Hintergründen des Verfalls der Stabilität des Sozialismus um einzelne Teile ergänzen, eben auch Fakten und sehr brisante Erinnerungen an wichtige Episoden der DDR- Geschichte. Es sei erlaubt, die im Schlussteil des Buches gemachte Überlegung hier zu zitieren (vgl. Seite 263) : « Wenn ihr so gut wart, warum habt ihr nicht den Untergang verhindern können?
Diese Frage wird mir oft gestellt. Dann antworte ich: Nicht der Nachrichtendienst macht die Politik eines Staates. Er ist nicht Auftraggeber, sondern Auftragnehmer und Dienstleister. Natürlich wird von ihm erwartet, dass er wahrheitsgemäß informiert, um Fehleinschätzungen und -Schlüsse zu vermeiden. Die DDR ist nicht der einzige Fall, wo Männer Geschichte machten. Und wenn wir uns in der Welt umschauen, müssen wir feststellen, dass es noch immer so ist. Auch wenn eine qualifizierte Mehrheit selbst in den USA den Irak-Krieg ablehnt, wird dort dennoch weiter gemordet. Nun lag es wohl nicht an Honecker oder Mittag allein, dass die DDR von 1971 bis 1989 vor die Hunde ging. Und es ausschließlich darauf zu schieben, dass wir immer ordentlich informiert haben, aber unsere Hinweise ignoriert wurden, ist auch nicht ganz gerecht. Vergessen wir nicht, die DDR gehörte zu einem Staatenbündnis, ihre Außen- und Sicherheitspolitik sowie die Wirtschaft war insbesondere mit der Politik der Führungsmacht verknüpft. Die Feststellung, dass die unverbrüchliche Freundschaft zur Sowjetunion Garant für unsere Existenz sei, traf 1OO- prozentig zu. Allerdings haben wir uns nie vorstellen können, dass dies eine zweiseitige Angelegenheit war und es Moskau auch mal anders sehen könnte. Wenn die Sowjetunion dieses Bündnis aufkündigte - was sie schließlich tat -, war unser Schicksal besiegelt. W.Krjutschkow weist in seinem Vorwort darauf hin. Gorbatschow erlaubte den Vormarsch der Konterrevolution in den sozialistischen Ländern. Keines von uns aber war in der Lage, allein als sozialistischer Staat in Europa zu existieren.
War darum alles umsonst ? Nein. Wir haben den Frieden erfolgreich gesichert und ein atomares Inferno verhindert. Daran hat die HVA ihren Teil. Wie sagte Milton Bearden von der CIA am 7. Mai 2004 in Berlin? »Ehrlicherweise muss die Rolle der Nachrichtendienste beider Seiten, lassen Sie mich hinzufügen; aller Nachrichtendienste in Ost und West - als Beitrag dazu gesehen werden, dass der 45 Jahre dauernde Kalte Krieg kalt blieb und nicht heiß wurde. Und auch Ex-Präsident Clinton erklärte das am 11. Juli 2004: "Die Spione haben dafür gesorgt, dass zwischen uns kein Atomkrieg stattfand.«Man muss  sich diesem "Schlussworten" genau so, wie den Gedanken aus dem Geleitwort anschließen :Die Welt hat Anspruch auf die Wahrheit über die vierzigjährige Geschichte der DDR! «
Und man findet aus berufenen Munde unterstrichen: Die Wurzeln der Ursachen des Zusammenbruchs des Sozialismus in Europa liegen ganz zweifelsfrei in der Geschichte der UdSSR und der Politik der KPdSU!
Vielen Dank für Ihr Buch, Werner Grossmann, dem Arbeitersohn aus Pirna!


Hieran anschließend möchte ich noch einmal auf die Gemeinschaftspublikation von H. Müller/ M. Süß/ H. Vogel :"
Die Industriespionage der DDR" - Die wissenschaftlich- technische Aufklärung der HVA  ( Verlag edition ost, ISBN 978-3-360-01099-5 ) eingehen.
Wesentliche Teile des Buches zur  Unterstützung der elektronischen Industrie und der DDR-Mikroelektronik wurden bereits auf den Seiten zum ESER ausführlich kommentiert ( vgl.:Zur Unterstützung mit "Prototyp" - Unterlagen durch die HVA des MfS  ) . Wie man bereits dem Vorwort von DDR- Minister a. D. Herbert Weiz entnehmen kann, enthält der Sammelband auch einen Großteil an Informationen zur Arbeit des Sektors "wissenschaftlich- technische Aufklärung" im Rüstungsbereich, vor allem in der BRD.  Die dargelegten Fakten zur Aufklärung auf dem Gebiet der Militärtechnik und des Maschinenbaus (G. Ebert und M. Leistner) , sowie der Atomenergie , Biologie und Chemie ( D. Eckhardt und M. Süß)  dienten also vorrangig der Sicherheit der DDR und des sozialistischen Staatenbündnisses. Man kann nur die Worte von H. Weiz unterstreichen: das Buch setzt auch den vielen großartigen Menschen, die im Ausland die Sache der DDR wirkungsvoll unterstützten und damit auch das gesamte sozialistische Staatenbündnis sichern halfen, ein eindrucksvolles Denkmal. Wichtige Informationen militärischer und  politischer Natur wurden bis 1989/90 den UdSSR- Stellen übergeben und dienten der Erhaltung des militärstrategischen Gleichgewichtes der Blöcke. Eine Übergabe der "HVA-Agentur" an den KGB erfolgte 1990 aber nicht ( vgl.  auch Bonn im Blick
Viele Details dieses Buches untermauern: 
- Die Arbeit der HVA, wie auch anderer verbündeter  Nachrichtendienste wirkten neben der Erhaltung des strategischen Gleichgewichtes durch Öffentlichkeit und Gegenentwicklungen auch auf die Begrenzung der Entwicklung neuer Massenvernichtungswaffen. Und noch einmal die Worte von Ex-Präsident Clinton  am 11. Juli 2004:»Die Spione haben dafür gesorgt, dass zwischen uns kein Atomkrieg stattfand.«   Das Buch ist insgesamt ein sehr informativer und interessanter Sammelband. Er vermittelt u. E. wesentliche Schlussfolgerungen:
- Die Mitarbeiter und ausländischen Helfer bzw. Freunde der Aufklärungsdienste der HVA, wie auch ihrer Nachbarbereiche erreichten bzgl. Qualität, Umfang und Detail-Tiefe offenbar ein außerordentlich hohes Niveau und erbrachten damit einen sehr gewichtigen Beitrag zur Stärkung und Entwicklung der sozialistischen DDR und ihrer Bündnispartner.
- Die Verwertung ( Auswertung) der Ergebnisse im Kooperations-Netz  aller Beteiligten war gut organisiert. Der politischen Führung des Landes standen jederzeit erstklassische Informationen zur Ableitung strategischer und taktischer Entscheidungen zur Verfügung; über ihre Verwertung kann wenig geschlussfolgert werden, vorrangig wegen der politischen Abhängigkeit vom Moskauer Vorgehen und dem lang anhaltenden Einfluss des Industrie- Militärkomplexes zum eigenen Machterhalt und dem Verlust der Stabilität durch die riesigen Kosten der Rüstungsspirale.
- Die Weltgemeinschaft ist nach dem Zusammenbruch des Ostblockes und des Kollaps der UdSSR in weitaus stärkerem Umfang zum Spielball der  USA und der internationalen Großkonzerne geworden, es existieren heute nur sehr begrenzt Gegenkräfte gegen die mächtigen Strukturen und Mittel der westlichen Geheimdienste, in gewisser Weise fehlt heute ein Element einer kritischen Kontrolle.
- Die hohen Leistungen der sozialistischen Aufklärungsdienste, wie auch im genannten Buch umrissen, konnten der DDR und den Verbündeten einen hohen Nutzen und wertvolle wissenschaftlich- technische Unterstützung sichern. Trotz dieser Ergebnisse konnten auch sie  nicht verhindern, dass die bekannten negativen politischen und wirtschaftlichen Prozesse in einer schleichenden Abwärtsspirale letztlich zum Verlust der staatlichen und politischen Stabilität der UdSSR und in ihrer Folge der DDR führten, genau in dieser kausalen Kette!

Die Lektüre lenkt auch hin zu aktuellen Gedanken- ( vgl. auch Horst Vogel "Die Bedeutung der wissenschaftlich- technischen Aufklärung... " ):  Programme zur Gewährleistung der (nationalen ) Sicherheit hatten zur Zeit des Kalten  Krieges auf  beiden Seiten der "Ost-West-Barrikade" riesige Budgets. Auch nach der Auflösung der unmittelbaren Konfrontation blieben viele technische Ressourcen und das know- how  erhalten (z.B. die Funk- und Satelliten- Spionage der NSA, auch in Deutschland). Aufgaben der Industrie- und Wirtschaftsspionage, sowie der Terroraufklärung sind Kern wichtiger staatlicher Programme und werden genau wie unmittelbare Rüstungsausgaben mit riesigen Summen finanziert. Die Budgets und Strukturen der Geheimdienste verschoben sich jedoch extrem zu Gunsten der Westmächte und einiger aufstrebender Staaten. Die Dienste Russlands erlitten im Verlaufe von ca.10 Jahren ( vor Putins Zeit ; 1990 bis ca. 2000) offenbar eine tiefe moralische und materielle Existenzkrise, ein schwer auszugleichender Zeitverlust in einer sich immer schneller "drehenden Welt". Es ist auch stark zu vermuten, dass große $- Summen im Prozess der "Perestroika" und nachfolgend bei der "Beratung" des russischen Präsidenten und seiner Regierung (en) dazu dienten, die gewünschten Ziele der Demontage der UdSSR und der Stabilität Russlands zu erreichen - es gibt keine günstigere Investition, verglichen mit den Riesensummen der Waffenprogramme
Die frei gewordenen und neuen Ressourcen dienen heute in erhöhtem Maße der Industriespionage und der Machterhaltung, der Kontrolle der weltweiten Finanz- und Datenströme potentieller Gegner, aber auch Verbündeter (als  Stichwörter: Satelliten- und funktechnische Aufklärung, totale Überwachung von Finanztransaktionen über SWIFT durch die CIA, Echelon als Mittel einer fast totalen elektronischen Transparenz  , organisiertes Hacking in breiter Front mit verschiedenster Spionage- und Diversions- Software,  ...  , was ja von Insidern, wie E. Snowden, aktuell bestätigt wurde). Diese "Services" haben nach dem Ende des Kalten Krieges in keiner Weise an Gewicht und Schlagkraft verloren, ihre Mitarbeiterzahl, technischen Mittel und verfügbaren Finanzen waren noch nie so hoch, wie gegenwärtig! Sie haben eine mächtige Lobby und entfalten immer mehr Eigendynamik im Verbund mit Unternehmensinteressen,  es zweifelt z. B. kaum jemand an der "dualen" Verwertung der Aufklärungsergebnisse der USA im Irak- Krieg. Aber auch Programme zur Unterstützung neu entstehender Staatsinteressen oder deren Restauration (Russland, China.. . ) profitieren  heute aus den Erfahrungen und Ressourcen des kalten Krieges. 
Die Geheimdienste im kalten Krieg- dieses Thema ist ein gewaltiges Feld!
Eine einseitige Betrachtung aus Sicht ehemaliger DDR- Wissensträger wird a priori für manche Leser nicht "genügend objektiv" erscheinen. Jeder muss sich auch heute klar machen, dass es keine "objektive, universelle" Geschichtsanalyse geben kann, die Dinge werden immer vom Standpunkt einer antiimperialistischen Sicht auf die Welt von heute, oder aus der Sicht des Antikommunismus betrachtet werden. Die Masse der Publikationen zur Arbeit westlicher Dienste ist letzterem Lager zuzuordnen , daher nicht für diesen Artikel relevant. Auch das Wissen des Autors über die Vielfalt der Publikationen aus Sicht der "Gegenseite" ist nicht ausgeprägt. Und doch sollen hier Kommentare zu wenigen solcher Literaturstellen das Bild abrunden. Lesen sollte man immer mit der gehörigen kritischen Distanz, stets den Hintergrund der noch fortwährenden ideologischen Auseinandersetzung der "Systeme" im Hinterkopf.
Die Bilanz des KGB - des jahrzehntelang einflussreichsten Geheimdienstes der Welt- wird im Buch
 
Ch. Andrew, W. Mitrochin:Das Schwarzbuch des KGB"  Moskaus Kampf gegen den Westen ( Propyläen, ISBN 3-549-05588-9)"
sehr umfangreich dargestellt. W. Mitrochin lieferte - bis 1992- mehr als 10 Jahre  lang streng geheime Dokumente aus dem Herzen des KGB- Auslandsgeheimdienstes an den britischen SIS, das  "laut FBI vollständigste und umfangreichste Material, das je von einer Quelle geliefert wurde" ( vgl. Cover - Innenseite) . Ch. Andrew, britischer Geheimdienstexperte, konnte daraus, sowie vieler ergänzender offener und unveröffentlichter  Unterlagen, auch weit vor der "Zeit Mitrochins", eine .."Darstellung der KGB- Operationen von Lenin bis Gorbatschow.. " schreiben, ein Buch aus Sicht der "Gegenseite",  im Stile eines ...  SIS- Historikers. Das Buch, das sei hier unterstrichen, vermittelt durchaus eine breite Sicht auf die Geschichte des geheimdienstlichen Kampfes der UdSSR gegen den Westen.
Wenn man das genannte Buch aus der Sicht der eingangs gestellten Frage - der Suche nach Antworten zu Ursachen des Zusammenbruchs der UdSSR und des europäischen Blockes sozialistischer Staaten- analysiert, so stößt man zunächst auf die kurze Darstellung der Gründungsphase - "Von Lenins Tscheka zu Stalins OGPU " - Fakten und Zusammenhänge, die eher in den Artikel "UdSSR und Stalinismus" einzuordnen sind. Hier findet man viele historische Zusammenhänge zur Rolle des KGB als Hauptinstrument von Stalins Großem Terrors, seiner Rolle  als Teil der neuen Sowjet- Bürokratie, ein immer wieder erschütterndes Thema!
Dann folgt jedoch eine eher "neutrale, objektive" Bestätigung: Auf ca. 250 Seiten - von der Darstellung der Tätigkeit der "großen Illegalen" , über die "Glorreichen Fünf"  bis zur Darstellung der Arbeit mit Selbstanbietern nach der Ära "Abel" findet man viele Tatsachen über Menschen, die im Glauben an die politische Notwendigkeit eines Gleichgewichts der atomaren Weltmächte, wegen ihrer ideologischen Nähe zum Sozialismus für die UdSSR tätig wurden. Die Erkenntnis aus den o.g. Büchern wird wieder besonders deutlich: politisch und ideologisch motivierte Kämpfer an der Front der Systeme sind materiell- und karriere- orientierten Mitarbeitern deutlich überlegen! In der Zeit bis zu den ersten deutlichen Korrosions- Erscheinungen der Führung der UdSSR in den 70-er Jahren war das der Hauptgrund der Erfolge bei der Sicherung und Stabilisierung der sozialistischen Entwicklungen durch Aufklärungsdienste. Daneben steht der enorm hohe personelle und materiell Aufwand für technisch höchst anspruchsvolle Apparaturen und Verfahren. Insbesondere im Bereich der Höchstfrequenztechnik und Funkaufklärung und der Entschlüsselung von Code- Systemen ergab das bekanntlich herausragende Ergebnisse. Es sind sehr viele Details und auch aktuelle Wertungen zum Klima in den Strukturen der  Geheimdienste der Russischen Föderation der postsowjetischen Zeit im Buch nachlesbar. Es wird aber schon zum Beginn der Lektüre des Buches klar- Aufklärung zu den gestellten Fragen - den Ursachen des Zusammenbruchs des sowjetischen Sozialismus- Modells- wird man auch ansatzweise nicht finden.

Ein interessierte Leser wird das "Schwarzbuch"  durchaus mit Spannung lesen und eine unparteiische Sicht wird es ohnehin nie geben. Ein Vertreter der UdSSR könnte weitgehend objektive Übersichtswerke erst publizieren, wenn viele originale Dokumente aus Moskauer Geheimarchiven freigegeben würden. Gegenwärtig findet man in der russischen Medienlandschaft eine unüberschaubare Fülle verschiedenster Publikationen, auch mit dem spürbar ehrlich Bemühen einer wissenschaftlichen (historischen) Darstellung. Eine Aufarbeitung der Rolle des KGB während der Verbrechen der Stalinzeit ist aber heute nicht wirklich im Sinne der aktuellen Staatspolitik. Daher dominieren wohl nach wie vor (z.B. im russischsprachigen Internet) die Betrachtungen des Heldentums und der Leistungen der sowjetischen Kundschafter, an deren Leistungen der neue russische Staat im Bemühen um Restauration seiner Rolle als Weltmacht zweifellos anknüpft.

In eine Buchauswahl zum Thema "Kalter Krieg"  passt auch das Buch John Lewis Gaddis "Der kalte Krieg" Eine neue Geschichte (Pantheon . ISBN 978-3-570-55057-1 )
J. Lewis Gaddis wird bereits im Cover als "Großmeister der Geschichtsschreibung über den Ost-West- Konflikt" bezeichnet, er ist Professor an der Universität von Yale,  im Wesentlichen ein Vertreter der Großmacht USA. Warum fand dieses Buch meine Aufmerksamkeit und Eingang in diese Aufzählung? Um eine Metapher zu gebrauchen: Wenn man unterstellt, dass das Geschichtsbild vieler DDR /UdSSR Bürger sich auf Grundlage der staatlichen Informations- Propagandapolitik bildete und die Welt mit dem "linken Auge" betrachtete, so hilft u. E. Gaddis Buch, sich gleichsam von den gedanklichen Relikten der oftmals ideologisch überstrapazierten Konfrontation  BRD/ DDR zu lösen und aus einer globalen Sicht eines US- amerikanischen Geschichts- Profis viele Dinge auch mit dem "rechten Auge" zu betrachten, um schließlich mit "beiden Augen" die Geschichte dreidimensional, in ihrer räumlichen Vielfalt zu sehen, ohne den Standpunkt zu verlassen, den auch eine dreidimensionale Wahrnehmung immer braucht.
Mit beiden Augen zu sehen ist bekanntlich eine wertvolle Fähigkeit! Räumliche Vielfalt kann jedoch keine Neutralität sein! Im Vorwort von Gaddis in der deutschen Ausgabe von 2006 lesen wir : 
"Am Ende des Zweiten Weltkriegs bestand die größte Angst der beiden Supermächte darin, dass sich ein wieder erstarktes vereinigtes Deutschland der anderen Seite »zuneigen« könnte. Deshalb blieb Deutschland so lange geteilt, wie der Konflikt andauerte. .. ... .. heute weiß man, dass die Führungen von West- und Ostdeutschland - ebenso wie diejenigen der Vereinigten Staaten, der Sowjetunion und ihrer jeweiligen Verbündeten - die deutsche Wiedervereinigung für viel zu gefährlich hielten, wie groß der Wunsch danach in der deutschen Bevölkerung auch gewesen sein mochte. Es drohte nicht einfach nur ein neuer Krieg, sondern einer, in dem Waffen zum Einsatz kommen würden, die sowohl die Krieg führenden Staaten als auch die geteilte Nation, auf deren Territorium die Kämpfe wahrscheinlich stattfinden würden, auslöschen würden. Insofern war das nukleare Patt unauflöslich mit dem deutschen Patt verknüpft, wie 1961 deutlich wurde, als die DDR Westberlin mit Moskaus Segen einmauerte und Washington, London, Paris und Bonn es stillschweigend guthießen. Die Berliner Mauer, die Teilung Deutschlands und der atomare Rüstungswettlauf hatten ein und denselben Zweck: Sie sollten verhindern, dass der kalte zum heißen Krieg wurde. Trotz der gravierenden Ungerechtigkeiten und der großen Gefahren, die diese Maßnahmen mit sich brachten, waren sie letztlich erfolgreich. Wären die Supermächte des Kalten Krieges gegeneinander in den Krieg gezogen, wie es die Europäer 1914 und 1939 getan hatten, hätte es nirgendwo und für niemanden Gerechtigkeit oder Sicherheit gegeben. Im Vergleich dazu waren diese »Sicherheitsventile« das geringere Übel, wenngleich sie Übel blieben, was sie am Ende unerträglich machte. Als Jahr um Jahr ohne Krieg verging, fiel es den Älteren immer schwerer, den Jungen zu erklären, was an der Einmauerung einer Stadt, der Teilung eines Landes und der Behauptung, die Welt könne nur durch die Aussicht auf die »gegenseitige sichere Vernichtung« geschützt werden, gut sein sollte.
John Lewis Gaddis:
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Das ist die Geschichte, die ich in diesem Buch zu erzählen versuche. Es ist nicht für meine Historikerkollegen geschrieben; indes habe ich mich bei der Vorbereitung stark auf ihre Arbeiten gestützt. Vielmehr richtet es sich an das wesentlich größere Publikum von Nichthistorikern, die den Kalten Krieg erlebt haben, aber nie Gelegenheit hatten, sich näher mit ihm zu beschäftigen. Darüber hinaus wendet es sich an die erste Nachkriegsgeneration des Kalten Krieges. Die Studenten, die ich in diesem Jahr in Yale unterrichte, waren erst drei oder vier Jahre alt, als die Berliner Mauer fiel. Und doch waren sie alle in mancher Weise vom Kalten Krieg betroffen, sie alle wollten mehr über ihn erfahren, (einen)...  vom Anfang bis zum Ende reichenden Überblick über diesen Konflikt .. .Die Deutschen waren vom Kalten Krieg nicht nur betroffen: Fast ein halbes Jahrhundert lang war ihre Geschichte die des Kalten Krieges. Daher freut es mich, dass diese kurze Geschichte jenes langen Kampfes jetzt auch jungen und älteren deutschen Lesern zugänglich ist. Ich hoffe, dass es die eine oder andere neue Einsicht über die jüngste deutsche Geschichte wie über die jüngste Weltgeschichte vermittelt. Eine Erkenntnis, die mich beim Schreiben des Buchs besonders überrascht hat, ist der Optimismus, den diese Geschichte erweckt - eine Haltung, die man für gewöhnlich nicht mit dem Kalten Krieg in Verbindung bringt. Doch ich bin davon überzeugt, dass die Welt heute ein besserer Ort ist, weil dieser Konflikt auf die Art und Weise ausgetragen wurde, wie es der Fall war, und weil er von der richtigen Seite gewonnen wurde. Heute macht sich niemand mehr Sorgen über einen neuen weltweiten Krieg, über einen totalen Triumph von Diktatoren oder über ein mögliches Ende der Zivilisation selbst. Am Anfang des Kalten Krieges war dies anders. Trotz aller Gefahren, Grausamkeiten, Kosten, Verirrungen und moralischen Kompromisse war der Kalte Krieg - wie der Zweite Weltkrieg - ein notwendiger Konflikt, in dem grundlegende Fragen ein für alle Mal beantwortet wurden. Es gibt keinen Grund, ihn zu vermissen. Aber angesichts der Alternativen gibt es auch kaum einen Grund, zu bedauern, dass er stattgefunden hat« . (John Lewis Gaddis, New Haven , Oktober 2006) "
Man muss vielen dieser Schlussfolgerungen nicht zustimmen. Aber J. L. Gaddis Werk liest sich wie ein Geschichtsbuch, für einen in der DDR oder UdSSR aufgewachsenen Menschen aufschlussreich. Weitgehende Objektivität, lakonische Faktenvielfalt und scharfer, kritischer Geist sind bestechend. Seine Betrachtungen der historischen Fakten und ihrer Kausalität, die Einordnung seiner gesamten Sicht in die Staats- Ideologie der US- Gesellschaft - in eine dem Marxismus diametral entgegen gesetzte Sicht, sind Facetten, die für viele Menschen aus der UdSSR/ DDR-Vergangenheit eine ungewohnte Herausforderung darstellen. Oft trifft man auf entgegen gesetzte Darstellungen, bezogen auf die aus der DDR-Zeit bekannten Informationen. Man ist veranlasst, nach einem Kriterium für eine "objektive" Bewertung der Fakten zu suchen und findet einseitig westlich geprägtes Gedankengut, aber auch - im Rückblick- viele Darstellungen von Entscheidungen und dominanten politischen Orientierungen in der UdSSR /DDR, die nicht alternativlos waren, wo besser geeignete Strategien die Leistungskraft der sozialistischen Welt und deren internationale Ausstrahlung deutlich verbessert hätten!  Zu den Wurzelns des Kalten Krieges, zur  Zeit von Teheran, Jalta und Potsdam finden wir tiefgründige Analysen der strategischen Ziele der alliierten Mächte, des Einflusses des Manhattan- Projektes, von Hiroshima und Nagasaki auf den geschichtlichen Verlauf der nächsten Jahrzehnte. Jedes seiner Kapitel hält den Spiegel der Ereignisse bereit. Besonders im Kapitel " Ende der Entspannung und Ende des Kalten Krieges" werden die Widersprüche und Schwächen des "realen Sozialismus" deutlich analysiert. Die Erkenntnis wird untermauert, dass der reale Sowjet- Sozialismus den Wettlauf um Effektivität der Technologien, um die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft für das Wohl der Menschen nicht mehr ohne grundsätzliche Reformen seiner Politik und Ziele gewinnen konnte. Aber spielte eine mächtige Rüstungslobby nicht auf beiden Seiten mit vergleichbaren Karten der Bedrohungshysterie? Gorbatschows und Reagans Treffen 1986 in Reykjavik bildeten einen Wendepunkt, den Standpunkt der beiden Supermächte, alle Atomwaffen abzuschaffen. Im Dezember 1987 vereinbarten sie den Abzug aller Mittelstreckenraketen aus Europa! Ende 1988 verkündete Gorbatschow vor der UN- Vollversammlung  eine starke Reduzierung der Bodentruppen des Warschauer Paktes und erklärte das Prinzip des Gewaltverzichtes als Mittel der Außenpolitik! Man findet im Buch also ständig   zu geläufigen DDR- Informationen- zur Rollenverteilung zwischen "Gut" und "Böse" entgegen gesetzte Darstellungen. Der Zusammenbruch des "realen Sozialismus" ist zweifellos das objektive Kriterium bei der Entscheidung, welches ist das wirtschaftlich - technologisch leistungsfähigere System. Das ist eine allgemein bekannte Wahrheit.
Ein Nachweis, dass keine möglichen Alternativen zum Kapitalismus/ zum aktuell vorherrschenden imperialistischem Neoliberalismus in der Phase der Entwicklung des sozialistischen Systems in Europa existierten, ist dieses Technologie- Kriterium nicht! (vgl. auch "Wer zu spät kommt..
Abschließen möchte ich,  in gewisser Weise entgegen der Zeitfolge, zur Zeit der Vorbereitung Hitlerdeutschlands auf den Überfall auf die UdSSR und die nachfolgenden Kriegsjahre zurückgehen. Zwei Bücher , unterschiedlicher Herangehensweise zur Tätigkeit der Gruppe "Ramsay" unter Führung von Dr. Richard Sorge möchte hier nennen, die auf Basis einer zutiefst ideologischen und humanistischen Motivation eine "Geheimdienst- Tätigkeit" durchführte, wie sie typisch für Aufklärer im Dienste der UdSSR war: Julius Mader - Dr.- SORGE-REPORT; Militärverlag der DDR, 1985; Best.-Nr. 746 719 3 .
Ein sehr bewegendes und auf vielen Original- Dokumenten basierendes parteiliches  Buch. Eingangs lesen wir: "Dieses Buch ist einer internationalen Gruppe heldenhafter Kundschafter gewidmet, die vor und während des zweiten Weltkrieges in Japan gegen die deutsch- japanischen Kriegsbrandstifter kämpften. In den Jahren 1942 bis 1945 ließen japanische Imperialisten und Militaristen folgende Mitglieder der Gruppe «Ramsay» erdrosseln, zu Tode foltern oder im Kerker verhungern .

Wir erleben im Buch die Familiengeschichte Richard Sorges und seinen Weg als Verwundeter des 1. Weltkrieges zur kommunistischen Bewegung. Wir erfahren viele spannende Zusammenhänge zur Geschichte Chinas , wo Sorge als langjähriger Wirtschaftskorrespondent renommierter deutscher Handelszeitschriften über den Agrarmarkt Chinas berichtete und die Aktivitäten aller westlichen Großmächte im Gewirr des chinesischen Bürgerkrieges geschickt beobachten konnte. Kernpunkt des Reports ist zweifelsohne die bewegende Aufzeichnung der Arbeit und der Ergebnisse der internationalen Kundschafter- Gruppe Ramsay.
Wir lesen solche weltbekannten  Funksprüche , wie 
 

«15.Juni 1941, Japan:Der Überfall wird am 22. Juni in aller Frühe auf breiter Front erfolgen.»
«14. September 1941, Japan :Die japanische Regierung hat beschlossen, nicht gegen die UdSSR loszuschlagen. Die Streitkräfte werden jedoch in der Mandschurei belassen. Kampfhandlungen können im kommenden Frühjahr beginnen, falls die UdSSR eine Niederlage erleidet.
»Oktober 1941, Japan:
Auftrag in Japan erfüllt. Krieg konnte vermieden werden. Ramsay.»

Auch bewegende persönliche Briefe an seine geliebte Katja kann man finden.Insbesondere die Erklärung  Richard Sorges bei seinem Prozess ist ein beeindruckendes Zeugnis :  «Die aktive Seite unseres Zieles bestand darin, die sozialistische Sowjetunion zu schützen, und die passive Seite darin, die UdSSR zu verteidigen, indem wir verschiedene sowjetfeindliche politische Machenschaften sowie einen militärischen Überfall gegen die Sowjetunion zu verhindern suchten....». «Die Sowjetunion wünscht keine politischen Konflikte oder militärischen Zusammenstöße mit anderen Ländern, besonders nicht mit Japan. Sie hat auch nicht die Absicht, Japan zu überfallen. Folglich sind wir — ich und die Angehörigen meiner Gruppe - keineswegs als Feinde Japans in dieses Land gekommen. Für uns trifft der Sinn, der dem Wort Spion gewöhnlich unterlegt wird, überhaupt nicht zu. Spione aus Ländern wie England oder den Vereinigten Staaten versuchen, die politisch, wirtschaftlich und militärisch schwachen Steilen Japans ausfindig zu machen und dementsprechende Angriffe zu führen. Wir dagegen hatten bei der Sammlung von Informationen in Japan keineswegs solche Absichten ».
Vor ca. 60 Jahren starb Dr. Richard Sorge im japanischen Kerker unter der Hand des Henkers. Wie müssen ihn seine Feinde gehasst haben, dass sie die Morgenstunden des 7. November 1944, des 27. Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, als Zeitpunkt der Hinrichtung bestimmten.

Wir haben  wenige weitere Auszüge als Anhang unter diesem link in diese Seite eingestellt. Vielleicht finden Sie das Buch noch in einem Antiquariat.
Ein weiteres Buch über die Person Richard Sorges ist ebenfalls sehr informativ:
Robert Whymant : "Richard Sorge" , Der Mann mit den drei Gesichtern ( Hamburgische Verlagsanstalt  . ISBN 3-434-50407-9 ).
Getarnt als Korrespondent der »Frankfurter Zeitung«, baute Richard Sorge im Dienst der Sowjetunion seit 1933 in Tokio ein nachrichtendienstliches Netz auf und entwickelte Beziehungen zur deutschen Botschaft und zu Botschafter Ott, für den er ein unentbehrlicher Berater wurde und über den er die Politik der Nationalsozialisten mitbestimmte. Im Oktober 1941, nachdem er die Sowjetunion vom geplanten Angriff der Deutschen informiert hatte, wird Sorge von den Japanern enttarnt und zum Tode verurteilt. Die Sowjetunion verleugnete ihn. 1944 wurde Richard Sorge in Tokio gehenkt. 
R. Whymant hat sowjetisches Archivmaterial ausgewertet, japanische Dokumente eingesehen, Zeitgenossen befragt, darunter die japanische Geliebte Sorges, er stellt die Biographie Sorges in die politische und gesellschaftliche Atmosphäre Tokios und in den größeren Zusammenhang der dreißiger Jahre und des Zweiten Weltkriegs. Der britische Meisterspion Kim Philby bewunderte ihn als den »einzigen moralisch nicht angreifbaren Spion«.  Richard Sorges Namen wird in aller Regel mit der spektakulär präzisen Information über das Datum des Überfalls  der Hitler-Armee auf die UdSSR verbunden. Aber man liest weit mehr  beeindruckende Details über den Menschen Sorge und seine meisterhafte Art der Tarnung, über die "Deutsche Kolonie" in Tokyo , aber auch über die Intrigen  in der Geheimdienstzentrale in Moskau. Die Spitzeninformationen Sorges zum Überfall Hitlers auf die UdSSR und seine umfangreichen Details zur Angriffsplanung und zur Taktik des Nazi- Oberkommandos waren verblüffend und spektakulär zugleich. Ironie und Trägodie zugleich: Die Warnung zum Überfall wurde von Stalin als Provokation eingeordnet. Beide Bücher zeigen, dass trotz des vermeintlich nicht vollständig gelungenen Einsatzes an der geheimen Front, dass die Gruppe Ramsay extrem  wichtige strategische Informationen zu Planungen des japanischen Generalstabs  gab, vor allem, dass Japan    keinen unmittelbaren Angriff auf die Ostflanke der UdSSR plant. Das war eine entscheidende Grundlage dafür, dass in die Stalingrader Schlacht große sibirische ReserveKräfte der Sowjetarmee geworfen werden konnten, die bislang zur Abwehr auf eventuelle japanische Angriffe stationiert waren. Eine höchst kriegswichtige Information!Die paranoiden Entscheidungen Stalins, diese extraordinär wichtige Informationen über den Beginn des Krieges als Provokationen einzuordnen und damit das Land, die geliebte ideologische Heimat Sorges, an den Rand des Unterganges zu bringen, vielen Millionen Menschen den Tod und dem Lande eine unsagbare Verwüstung , sind auch heute, obwohl tausendfach publiziert, Teil eines erschütternder Bericht über einen Menschen, der postum als "Held der Sowjetunion" geehrt wurde.