Kombinatsdirektoren Rohnstock-Biografien

Die DDR- Kombinate und Kritik der "Megabit- Story"

Erinnerungen führender DDR-Wirtschaftsfachleute   in "Rohnstock- Biografien"

Aspekte-70

Die DDR- Kombinate und  Kritik der "Megabit- Story"


Vorbemerkungen
Vor mir liegen Band eins und zwei der Rohnstock- Biografien zur Wirtschaftsgeschichte der DDR der Herausgeberin Katrin Rohnstock- "Jetzt reden wir" ( 5.Auflage erschienen bei "edition berolina"(ISBN 978-3- 86789-813-3) und "Jetzt reden wir weiter"  (ISBN 978-3- 95841-058-9 ). Für mich war die  Lektüre  dieser Dokumentation zu Vorträgen und Diskussionsmaterial von ehemaligen Generaldirektoren zentral geleiteter DDR- Kombinate  eine spannende Zeitreise.
Der erste Band "Jetzt reden wir" verspricht mit der Einleitung der letzten Wirtschaftsministerin der DDR/Modrow-Regierung Prof. Christa Luft - und vielen weiteren Artikeln sehr interessante Rückblicke und Gedanken zur Wirtschaftskraft der DDR und  Versuchen, Erkenntnisse der DDR- Wirtschaft auf die Anschluss- Prozesses an die BRD abzubilden. Der zweite Band führt dieses Konzept gelungen weiter. Die Darstellungen der o.g. Bücher der Rohnstock Biografien sind sehr überzeugend und berichten, welche Wirtschaftsleistungen in der DDR erbracht  wurden, die korrekte und sachliche Darstellung der jüngsten Geschichte, der Wertung des Staates DDR und der Lebensleistungen seiner Bürger.
In vielen Massenmedien werden heute entstellende Berichte und Fakten über die DDR publiziert, weil dafür offenbar weiterhin ein "ideologischer Bedarf" bei den Meinungsmachern im Auftrage der etablierten Parteien erkannt wird. Natürlich gibt es Ausnahmen, sehr seltene Ausnahmen. (Im TV Kanal des MDR lief z.B. kürzlich  ( 1.Teil: 30.05.2017) die Dokumentation "Wer bezahlt(e) den Osten".) Daher sind u.E. solche Initiativen , wie die o.g. Biografien wertvoll und lesenswert.
Wer also viele Wahrheiten über die Wirtschaft und Leistungskraft der DDR erfahren will oder erneut Revue passieren lassen möchte, der fühlt sich beim Lesen der o.g. Bücher gut aufgehoben.
Ein Artikel zur 1-Megabit Geschichte fällt jedoch total aus dem Rahmen !
Gedanken zu den Rohnstock- Biografien zur Wirtschaftsgeschichte der DDR
Die Rohnstock- Biografien zur Wirtschaftsgeschichte der DDR stellen ganz zweifelsfrei in einer beachtlichen, teilweise wenig öffentlich bekannten Breite und mit vielen Details wirtschaftspolitische Betrachtungen der Leistungen der Mitarbeiter vieler DDR- Kombinate dar. Auch für ältere DDR- Bürger vermitteln sie viel Interessantes und Erinnerungswertes. Für den (DDR-) Leser, der in den medial stets präsenten " Schlüsseltechnologie-Kombinate" tätig war, treten andere Bereiche der Wirtschaft aus einem fast vergessenen gedanklichen Schatten wieder ins Licht. Es wird deutlich, dass die DDR- Wirtschaft in großer Breite von hochqualifizierten und engagierten Mitarbeitern und Führungskräften ("Wirtschaftsfunktionären) getragen wurde, dass sich jedoch  viele Ressourcen durch eine übertriebene und inkompetente Strukturpolitik, durch oftmals erfolgte Änderungen  der Organisationsstruktur der zentral geleiteten Industrie und weitere Defizite nicht günstig entfalten konnten.

Allen  Meinungsäußerungen und Einschätzungen zu Inhalt und Ergebnissen der DDR- Wirtschaftsführung ist u.E.  gemeinsam: 
Der Aufbau und die Leitung der DDR- Wirtschaft erfolgte im Rahmen eines vom Kapitalismus  grundsätzlich unterschiedlichen Gesellschaftsmodells - in dem das Volkseigentum dazu diente, den  Gewinn der Wirtschaft nach zentral erarbeiteten Konzepten für das Gemeinwohl der Menschen , deren soziale Sicherheit , für gute Bildungschancen aller Kinder , gleichberechtigte  Gesundheitspolitik, ein gesamtgesellschaftlich anspruchsvolles Kultur- Leben und eine zielorientierte Perspektiventwicklung der wichtigsten Wirtschaftszweige einzusetzen. Es ist schwierig in der Breite darzustellen, durch welche Methoden die Leistungsbilanz der DDR für die Menschen ein weitgehend  sozial gerechtes Leben, mit hoher Qualität in Ausbildung, Gesundheitswesen und Kultur-Umfeld gestaltet werden konnte.

Wichtig ist u.E. vor allem davon auszugehen, dass  das Modell "Volkseigentum" und das daraus abgeleitete Handeln ihrer führenden Wirtschafts- Kader  für soziale Stabilität und Gemeinwohl  prinzipiell nicht mit den Bewertungs- Maßstäben einer profitorientierten Privatwirtschaft, der Dominanz globaler Großunternehmen unter der Herrschaft neoliberalen Handelns bewertet werden kann, dass jegliche Vergleichs-Versuche untauglich sind, wenn die "Koordinatensysteme" nicht vergleichbar sind.
Die heute immer noch vorherrschenden Wertungen der DDR als maroden Staat mit riesigen Auslandsschulden war eine Hauptargumentation der Abrechnung mit der DDR, aber eine willkommene Lüge und wurde von der Bundesbank  1990 klar widerlegt. Die Behauptungen, dass die DDR eine total rückständige Industrie-Landschaft war, wird durch viele Beiträge der o.g. Bücher ebenso widerlegt. Diese massiven Entstellungen haben und hatten nur ein Ziel- das "Gesellschaftsmodell DDR" zu diskriminieren und alle dessen Werte mit vernichtenden Bewertungen zu belegen, deren Manager als Versager und Partei-Karrieristen zu verunglimpfen, um den Weg in die neue BRD widerstandslos zu bewältigen.
Es wäre müßig , hier besonders lesenswerte Berichte der "Biografien" hervorzuheben, schon allein wegen des ganz verschiedenen Wissenshintergrundes des Lesers und dessen Interessen.
Der Autor dieser Zeilen fand mit großem Interesse viele Informationen und Schlussfolgerungen . Sie zeugen  (fast)  alle von Professionalität, Qualifikation und Engagement der Leiter. Man muss den Autoren zustimmen: unter den  Randbedingungen des geteilten Deutschlands nach 1945 vollbrachte die DDR- Bevölkerung aus eigener Kraft das wahre Aufbau- Wunder !
Zum Bericht des ehem. Staatssekretär K. Nendel zur "Megabit- Story"
Zum Bericht des ehem. Staatssekretär K. Nendel zur "Megabit- Story" ( Band 2, ab S. 113) möchte ich  meine Meinung darlegen.
Zunächst fällt auf - dieser Bericht unterscheidet sich in mehrfacher Weise vom sonstigen Ordnungs-Prinzip der Rohnstock-Bücher: Staatsekretär Karl Nendel war nie Generaldirektor eines DDR- Kombinates, sein Text beschreibt auch nicht wie die anderen Autoren die vielen positiven Fakten der Leistungsentwicklung bzw. Arbeit eines Kombinates. Sein Focus sind eher Episoden seiner persönlichen Tätigkeit, die Widersprüche im Zusammenwirken von zwei Kombinaten, die Schwächen einer zentralen strategischen Gesamtplanung, die Art und Weise, wie schwer erarbeitete Valutamittel in fragwürdig leichtfertiger Manier eingesetzt wurden, um ein prestigeorientiertes "Leuchtturm- Projekt" des DDR- Politbüros zu realisieren. Man hätte eher tiefgründiger eine  Analyse der DDR-Mikroelektronik - Politik erwartet, vielleicht gespiegelt an der nachfolgenden Technik- Entwicklung in der Welt.

Der "Artikel" von K. Nendel passt einfach nicht in den Kontext der Rohnstock- Bücher. Sein "Bericht" deformiert  deren positiven Gesamteindruck über die Geschichte der DDR- Kombinate!

Grundlage meiner folgenden Überlegungen und Meinung ist unsere jahrelange Arbeit im ESER- Entwicklungszentrum Karl- Marx- Stadt (siehe  ESER- Entwicklungszentrum Robotron). Unsere Produktentwicklungen  waren sehr eng mit der gezielten  Nutzung der Ergebnisse der DDR- Mikroelektronik- Industrie verknüpft, d.h. von ihr abhängig. Natürlich bestanden auf unserer Leitungsebene ständige Kontakte zwischen den Chefs und Chefentwicklern der Mikroelektronik-Betriebe und unseres Hauses. Durch diese ersetzten wir deutliche  "Defizite " bei der Führungsarbeit des Ministeriums Elektrotechnik und Elektronik bzgl. einer Koordinierung der Mikroelektronik- Strategie der DDR. Gleiches betrifft auch unsere  Kooperationsbeziehungen mit der UdSSR -Rechentechnik-Industrie (siehe  Aspekte des Technologie- Weges des ESER ) und das mögliche gemeinsame "Schrittmaß", eine lebensnotwendige Bedingung unseres Exportgeschäfts. Mit unserer Erzeugnislinie ESER deckten wir ca. 30% des Robotron Exportes in die UdSSR ab und waren natürlich für dessen Nachhaltigkeit verantwortlich.
 
In entsprechenden Arbeitskreisen und Kommissionen und auf verschiedenen Arbeitsebenen wurden durch professionelle Mitwirkung unseres großen Entwicklungskollektives wichtige Arbeitsrichtungen zu Technologie- und Produktentwicklungen im Kombinat Mikroelektronik und  Kombinat Carl Zeiss Jena/Betrieb ZMD mitgestaltet. Dazu gehören vor allem die Produktpolitik bei CMOS- Master-Slice- SK (ZMD) und die Kontakte mit den Erfurter SK-Entwicklern für die Intel-Mikroprozessoren der PC- Linie. Zu den leitenden Entwicklern dieser Betriebe bestanden ausgezeichnete konstruktive , vor allem auch persönliche Kontakte, die trotz restriktiver Planungsvorgaben und politischer Leitlinien einen gewissen Gestaltungsspielraum ermöglichten. Der "lange Arm" von  Partei-Beschlüssen wirkte aber mit erster Priorität, ohne Recht , diese zu hinterfragen .

Informationen zum 1-Megabit- Chip des ZMD des VEB Carl Zeiss Jena   U61000
Die Entwicklungs-Stelle, das Dresdner Forschungszentrum der Mikroelektronik (ZMD) verfügte über erfahrene hochqualifizierte Fachleute und eine lange Wissensbasis bei µE- Forschung und Entwicklung verschiedener Halbleitertechnologien und modernste , sehr leistungsfähige Spezialausrüstungen (TSA) und die zur Entwicklung benötigte Computertechnik, auf deren Grundlage die dringend erforderlichen (damals) sehr geringen Strukturbreiten der Schaltkreise realisierbar waren. Diese TSA wurden bekanntlich neben DDR-Eigenentwicklungen traditionell vorrangig unter Umgehung des Embargo beschafft, schon Jahre vor dem "MBit- Start" . Die Arbeiten an der perspektivreichen CMOS- Technologie hatten einen hohen Stand erreicht und das Umfeld der Zulieferindustrie bei Chemikalien und Präzisions- Ausrüstungen war gut entwickelt. Die Qualität der Freiberger Silizium- Wafer hatte einen hohen Stand.
1MBit ZMDDie Arbeiten im ZMD - wie auch die Arbeiten im Erfurter Mikroelektronik- Zentrum waren traditionell neben den Arbeiten an neuen Technologien für die  Absicherung des breiten Bedarfes der DDR- Industrie orientiert, dazu zählten auch Arbeitsrichtungen zu Schaltkreisen und Technologien für die optimale Versorgung mit verschiedenen kundenspezifischen Schaltkreisen, die prinzipiell in geringeren Stückzahlen benötigt werden, wie z.B. maskenprogrammierbare CMOS- Gate Arrays. Damit waren Entwickler weiterer Schwerpunkt- Kombinate in der Lage, Lösungen mit hohem Intelligenz- und Neuheitsgrad in leistungsfähigen Steuerungen /Lösungen zu implementieren. Eine totale Verschiebung der Prioritäten zugunsten eines  "1 MBit-Leuchtturms" generiert allein kaum wesentliche Vorteile- sofern die Design-Umgebung des 1M-Bit- Speichers  nicht annähernd hohes Niveau hat, d.h. generell ein leistungsfähiges Gesamtkonzept machbar ist. 
Um jedoch eine Großproduktion von Chips auf einem 1-µm Niveau
zu sichern, ist ein enormer Ausbau der Fertigungskapazität,  eine weitgehend komplett neue Generation des Equipments  nötig, ein gewaltiger Investitionsaufwand im dreistelligen Millionenbereich in Valuta! Ein Massen- Produkt der westlichen Halbleiterindustrie mit wirtschaftlich sinnvollem Aufwand (in DDR- Mark) allein, ohne "ausreichendes Umfeld" zu fertigen und den künftigen horrenden Innovationsdruck mit hohem Takt (aller ca.2 Jahre) mitzugehen, war allerdings eine absolute Illusion. Man fertigte in Japan und USA bereits 4 MBit und 16 MBit -SK . Und eine 1µm Technologie muss sinnvoll für eine breite Produktpallette  oder für sehr hohe Volumina (wie etwa bei Intel) eingesetzt werden. Als wichtige Refinanzierungsgrundlage wäre grundsätzlich eine tragfähige Spezialisierungsvereinbarung mit der UdSSR erforderlich gewesen. Allerdings gab es  genau hier eher eine Wettbewerbssituation- die UdSSR konnte schon aus strategischer Sicht auf eine eigene Massenproduktion im 1 µm Level nicht verzichten.

Wegen des CoCom-Technologieembargos konnten die zur Produktion notwendigen technischen Spezialausrüstungen (TSA) sowie die zur Entwicklung benötigte Computertechnik [32-Bit VAX Rechner ] nicht legal auf dem Weltmarkt gekauft werden. Deshalb wurde ein Großteil der TSA wie Waferstepper, Elektronenstrahlschreiber, LPCVD-Beschichtungsanlagen, Ionenstrahlätzer sowie Montagelinien bei Carl Zeiss Jena und VEB Elektromat Dresden selbst entwickelt und gebaut. Andere wichtige TSA wie Plasmaätzer und Hochstromimplanter sollten ursprünglich im Rahmen eines Kooperationsvertrages aus der Sowjetunion bezogen werden. Da die Sowjetunion aber die Anlagen nicht in der erforderlichen Qualität liefern konnte, wurde von der SED-Führung entschieden, diese TSA und leistungsfähige Computer zur Schaltkreisentwicklung [unter Umgehung der CoCom Restriktionen zum Technologie- Embargo ] über den Bereich Kommerzielle Koordinierung des Ministeriums für Außenhandel zu importieren. Die neuesten erforderlichen Computer (VAX) in der DDR zu entwickeln, bedeutete ja, einen Rückstand von ca.5-6 Jahren, war also für die Höchstintegration sinnlos! Die importierten TSA mussten dann noch erheblich durch die Ingenieure des ZMD optimiert und technisch verändert werden, um sie für den geplanten Zweck einsetzen zu können. Allein diese Leistungen waren außerordentlich anspruchsvoll und umfangreich. Für Carl Zeiss Jena mit dessen Optik- Feinmechanik- Profil wäre dieser Komplex ausreichend für gute ökonomische Ergebnisse und zentrale Anerkennung gewesen , wahrscheinlich war das aber für dessen GD nicht prestigeträchtig genug.  
Im Fünfjahrplanzeitraum 1986 - 1990 investierte die DDR [laut Bericht G. Schürer] für die Mikroelektronik ca. 15. Mrd. M, darunter ca. 2,5 - 3 Mrd. Valuta Mark. Ein Großteil davon wurde für die Umsetzung des Parteibeschlusses "Mikron" eingesetzt!
Bemerkungen zum Artikel von Karl Nendel:
Im Vorwort des Nendel-Artikels ist dargestellt, dass mit der 6.Tagung des ZK der SED (1977) die Mikroelektronik als Schlüsseltechnologie eingeordnet  wurde, ein kluger und weitgedachter Beschluss. K. Nendel wurde zum "Regierungsbeauftragten für  Mikroelektronik ", der (Zitat) "..an allen wichtigen Entscheidungen der Branche (im zivilen und militärischen Bereich)  beteiligt war". 1986, neun Jahre später erfolgte der 1 MBit- Beschluss, darunter auch zur ".. Planung eines 32 Bit- Prozessors".
Zu Beginn seiner Darstellungen lesen wir (S .115), dass im Februar 1986 durch Politbüro- Beschluss " die Produktion eines 1 M-Bit Chips beschlossen wurde, außerdem wurde ein 32 Bit- Prozessor geplant".
Hier beginnt eine ganze Serie von Oberflächlichkeit und noch Jahrzehnte später eine Selbstinszenierung als wichtige Führungsperson,  ohne den Versuch einer strategischen Bewertung. Es zeugt dagegen von billigem Populismus, aus dem Nähkästchen zu plaudern und sich über die weithin bekannte Historie der Dresdner Mikroelektronik- Forschung ( AMD ab 1961) und über kleine Uhren-Geschenke von Mikroelektronik- GD Heinz Wedler an Günter Mittag auszulassen, oder sich über die Rivalitäten zwischen Zeiss-GD W. Biermann und µE- GD Heinz Wedler zu äußern. Strategie- Überlegungen der Zentrale waren ohnehin nicht sinnvoll, wenn ein (zuvor unter eigenhändiger Mitwirkung vorbereiteter ) Parteibeschluss vorlag! 

Wer waren die "Strategen", die diesen PB- Beschluss zum Megabit- Projekt mit seinen extrem aufwendigen Valutafonds vorbereiteten? Eine versteckte  Antwort deutet darauf, dass Spitzenmanager von VEB Carl Zeiss (Leitung GD Biermann) zusammen mit Fachleuten des Kombinates Mikroelektronik und der Akademie der Wissenschaften (Institut für Kybernetik- Prof. Kempe) diesen Beschluss vorbereiteten. Der 32-Bit Prozessor war das Entwurfs- Equipment der µ-Elektroniker, hierfür existierte Spezial- Software. Wie wir später erleben mussten, eine folgenschwere und völlig einseitige Konzeption, die große Auswirkungen auf das Gleichgewicht anderer Bereiche der Volkswirtschaft haben sollte! Gut informierte Wissenschaftler sagen heute zu den autoritären Entscheidungen: "Sie sind ökonomisch nicht zu erklären." 

Warum lege ich hier besonderen Wert auf die 32-Bit Architektur- Thematik ? Mit der Konzentration auf die sog. 32 Bit Architektur , die in den Mikroelektronik- Beschluss von 1986 von dessen Autoren integriert wurde, erfolgte eine rigorose Kräfteneuordnung in der Architektur-Landschaft der DDR-Rechentechnik und deren Export- Chancen. Dieser Beschluss orientierte letztlich auf eine alternative Architektur- und Produkt-Orientierung, weg von Intel und IBM- Prototypen, weg von den Marktführern der westlichen Hemisspäre! Weg vom etablierten hohen UdSSR- Export .
Höchstintegration (mit dem 1MBit -Speicher als "Gallionsfigur") verbindet mit der Nach-Entwicklung einer  32-Bit VAX-Architektur vorrangig der Fakt, dass diese Systeme (mit ihrer hochspezialisierten Software und grafischen Peripherie) eine Monopol- Stellung als Entwurfssysteme für VLSI- Schaltkreise hatten. Natürlich hatten sie auch bestimmte Vorteile für Echtzeitanwendungen, allerdings eher in komplexen Industriesystemen (Walzstrassen , Zementfabriken... ) , nicht in Steuerungen von Einzelmaschinen. Aber der vorrangige Bedarf an Hochleistungs- Entwurfstechnik der µE- Industrie musste ohnehin durch zeitnahe Importe gedeckt werden. Eine um ca. 5 Jahre verspätete Eigenproduktion von Technik implizierte zudem einen nicht ablösbaren (ersetzbaren) hohen NSW Importanteil, die Kernschaltkreise dafür waren  firmeninterne Chips, sehr schwer und mit hohem Risiko beschaffbar. Im Kontext eines Höchstintegrations- Beschlusses ist die "Planung" eines 32- Bit Prozessors (Rechners)  objektiv nicht nachvollziehbar. Gut informierte Personen erinnerten sich rückblickend, dass das  auf Vorschlag der Leitung von ZMD , d.h. aus dem Carl Zeiss Jena Kombinat , im Beschluss verankert wurde.

Herr Nendel "ignoriert" in seinen Erinnerungen komplett die Zusammenhänge, dass im PB- Beschluss die Entwicklung der 32-Bit VAX- Architektur der Firma DEC fixiert und danach mit extremen Valutaaufwand und strukturellen Neuordnungen unter seiner wesentlichen Mit-Verantwortung vorangetrieben wurde. Dazu gehörte auch das  32 Bit- µVAX Prozessorsystem, das dann im Erfurter Entwicklungszentrum des Kombinates Mikroelektronik mit höchster Priorität bearbeitet wurde. Auch um diesen Chip wurde ein großer politischer Aufwand getrieben. Im August 1989 übergab  der Hauptkonstrukteur Prof. Franz Rößler  ein Muster dieses ersten in der DDR fertiggestellten 32- Bit Mikroprozessors [Quelle Staatsarchiv].
Warum also spricht K. Nendel in seinem Beitrag von "INTEL" ? Bis heute schweigen Zeitzeugen darüber, wer für die Vorbereitung dieses "Architektur- Umbruchs" zum DEC- Konzept verantwortlich war, der letztlich zu Valutaaufwendungen im 3-stelliger Millionenhöhe ( manche Quellen sprechen von 1,5 Mrd. DM ) ohne jeglichen wirtschaftlichen Effekt führte und die Architektur-Landschaft und die Investitionspolitik der DDR-Rechentechnik  aus dem Gleichgewicht warf. Die Geschichte der 90-Jahre zeigt uns heute, dass die INTEL-Prozessoren und deren Strukturniveau alle anderen Spezialarchitekturen vom Markt eliminiert haben, auch das µVAX Prozessorsystem. Das gravierende  Ungleichgewicht bei Anwendungs- Software, die INTEL- und Microsoft- Dominanz  waren ja nie zu übersehen.
Im Erfurter Raum des Kombinates Mikroelektronik waren die Arbeiten an verschiedenen Mikroprozessor- Generationen konzentriert. Die DDR- Industrie benötigte international kompatible Mikroprozessor- Systeme und deren Umfeld incl. des großen Software- Umfanges am Weltmarkt . Die extreme Nachfrage spürten wir während der Arbeiten an den Intel- kompatiblen Personalcomputern (EC 1834/EC 1835 ). Auch die Darstellungen zum EC 1835 bei WIKIPEDIA unterstreichen diese Fakten deutlich.
Zum K. Nendel-Artikel wären daher tatsächlich Fragen rund um die  "Planung eines  32 Bit- Prozessors" zu stellen. Die  Ausführungen dort sprechen von einem 32 Bit Intel- Prozessor. (S. 124). Tatsächlich sind jedoch die Arbeiten des Erfurter Mikroelektronik- Zentrums  am 16 Bit-Intel Mikroprozessor U80601 gemeint (?). Es ging im Beschluss aber doch um die zur  Entwicklung benötigte 32-Bit Computertechnik mit VAX- Architektur, nicht um INTEL- µP! 
Übrigens im gesamten Artikel wird kein weiteres Wort über diesen  "32 Bit- Prozessor" verloren. Um die 32- Bit Architektur wird im Artikel eher ein Verwirrspiel inszeniert. Offenbar um zur Sinnlosigkeit der Eigenentwicklung dieser VAX-Spezialarchitektur keine weitere Stellung beziehen zu müssen. 
Herr Nendel brüstet sich u.a. weiterhin  mit der Behauptung, seine Vorschläge seien letztlich die Grundlage einer gewaltigen Reorganisation zwischen den Kombinaten Carl Zeiss Jena und Mikroelektronik gewesen. Er sagt (S.116), dass er (ohne sachlichen Hintergrund ) vorschlug, die Hauptkapazitäten der Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zur Mikroelektronik im Dresdner Raum von den großen und erfahrenen Produktionsstandorten der DDR- Mikroelektronik im Erfurter Bezirk zu trennen. Was für eine Selbstherrlichkeit! 25 Jahre später räumt er dann kleinlaut ein, dass  das Politbüro (!) damals falsch entschieden hat.
Als eine Art Argumentations- Beweis  lesen wir dann seine Darstellungen zu den Entwicklungsarbeiten im Erfurter  VEB Mikroelektronik, er spricht im o.g. Artikel  von 32 Bit INTEL- µProzessoren. Dem kundigen Leser ist bekannt (s.u.), dass  dort 16- Bit- INTEL µ-Prozessoren und mit großem Aufwand später der 32 Bit µ-VAX bearbeitet wurden!  Und es ist auch bekannt, dass der politische Druck der VAX- Architektur den Vorrang erzwang gegenüber den Arbeiten der Erfurter am  INTEL/386 - dem damals weltweit dominanten Prozessorkonzept, dessen Wirtschaftlichkeit und Leistungsfähigkeit solche Architekturen, wie die µ-VAX und andere , vom Markt fegten!
Als in der Welt in breiter Front Personal -Computer der Firmen IBM und Apple, eine neue Generation von Arbeitsplatz- Technik  und eine sprunghafte Entwicklung der INTEL-Mikroprozessoren zu einer qualitativ neuen Phase der Massenanwendungen führten, wurde die 32 bit-Technik mit DEC- Architektur in Spezialanwendungen gedrängt und verlor schnell ihren Wert und ihren Markt , im Westen 6-8- Jahre früher… INTEL-, AMD- Mikroprozessoren und sehr wenige andere, wie IBM (S10 und Z-Serie)  ermöglichten eine große Leistungsentwicklung bei unschlagbaren Kosten (siehe u.a.  hier).  Der o.g. PB- Beschluss zementierte  auch hier den großen DDR- Rückstand und ignorierte absehbare technische Trends.


Der Leser wird  spätestens jetzt fragen:  "Ist das denn heute so wichtig"? Scheinbar nur ein Detail ? Oder eher eine nachträgliche Rechtfertigung ?
Soll dem Leser suggeriert werden : "Das waren doch Andere, ich war Ausführender.." ?
Bert Brechts sagte uns : " Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
K. Nendel war schließlich (s.o.) direkt Beteiligter, eher  Chefkoch... . Der "Artikel" von K. Nendel passt einfach nicht in den Kontext der Rohnstock- Bücher.

Und warum dieser Kommentar ?
Der Niedergang der DDR hatte sicher viele Facetten. Die Mikroelektronik- Orientierung war eher ein kluges vorwärtsgedachtes Konzept. Aber man kann die Dinge extrem überziehen und dann  die Orientierung verlieren.
Es geht letztlich um eine ehrliche und objektive Berichterstattung zur DDR- Geschichte, um das Lebenswerk zehntausender engagierter, kluger Menschen.  
Der Nendel- Artikel dient leider nicht dem positiven Verständnis der Anstrengungen der DDR- µE-Industrie . Dort wird eher deutlich, mit welcher Ignoranz und Selbstherrlichkeit die Oberen der DDR ab ca. 1985 unter Herrn Mittag "Wirtschaftsstrategie"  gestalteten, wie bessere  Leistungen von Hunderttausenden durch sinnlose Prestige- Projekte unmöglich wurden, weil Geld und Ressourcen nicht reichten, weil keine volkswirtschaftliche Gesamtplanung mehr erfolgte, oder die Rolle des Plankommission durch das "Vorzimmer" von G. Mittag ersetzt wurde ! Erfahrungen großer Kollektive , deren Wissen waren nicht gefragt, wenn sie nicht mit den zentralen Vorgaben zusammenpassten.
Hier sei mit dem Rückblick von ca. 30 Jahren festgestellt, dass der Regierungsbeauftragte Nendel von 1977 bis 1986 keinen  Besuch , keine Beratung im Zentrum der ESER- Entwicklungen (Karl- Marx- Stadt)  für nötig erachtet hatte , obwohl diese Technik das Rückgrat der DDR- Datenverarbeitung, des  Rechentechnik-Exportes und der ökonomischen Stabilität von Robotron war. Mit Sicherheit war ihm  und seinem Stab bekannt, welche Zukunftssorgen für unsere ESER- Technik durch den mangelhaften Fortschritt der DDR- Mikroelektronik bestanden! Auch im DDR- Teil der "Mehrseitigen Regierungs- Kommission Rechentechnik" war die dringende Beschleunigung der DDR- Mikroelektronik für die Rechentechnik ab 1980 nie ein Thema .
Der erste Besuch von Staatssekretär Nendel im Karl-Marx- Stadt erfolgte erst (1986), nachdem sich eine Personengruppe unseres ESER- Entwicklungszentrums (Fachgebiet Geräte) nach verschiedenen anderen (wirkungslosen) Versuchen schließlich an das ZK der SED wegen mangelnder Unterstützung des Ministeriums für ihre Arbeit gewandt hatten. In einer Beratung unterbreitete das Team des Entwicklungszentrums  das Konzept, neben den bewährten ESER-Mainframe- Modellen zusätzlich   IBM-kompatible PC  zu entwickeln und in den zwei größten Robotron- Betrieben in Karl-Marx- Stadt und Sömmerda zu produzieren. Es entstanden die Rechner EC 1834, die dann erfolgreich in großer Stückzahl (ca. 50 000 Stück bis 1990/91) produziert wurden und EC 1835 - Muster mit ersten 16 Bit- Mikroprozessoren aus Erfurt und CMOS- Logik von ZMD! Der Regierungsbeauftragte  "akzeptierte" damals diesen Vorschlag!
In der genannten Beratung wurde unsererseits schon damals darauf verwiesen, dass die Arbeiten an universellen 32-Bit µ-Prozessoren (und später 64 Bit µ-P) der Firmen Intel und AMD systemtechnisch und wegen ihres weltweiten  Massenmarktes wirtschaftlich gegenüber DEC- System künftig gravierend überlegen sind und sein werden. µVAX  waren schon Anfang der 90- Jahre international ein Auslaufmodell! (siehe Details ).
Die Nachfrage aus allen wichtigen Zweigen der DDR- Wirtschaft zu unseren IBM-kompatiblen PC war dank ihrer Kompatibilität und der Möglichkeiten einer breiten Baugruppen- Erweiterung und umfangreicher Software  extrem!
Noch eine persönliche Erinnerung: Beim Forschungsrat der DDR, einem Organ des  Ministeriums für Wissenschaft und Technik , bestand bis 1990  eine Kommission "Mikroelektronik" (Leitung Rektor der TU Karl-Marx- Stadt, Prof. M. Krauß). Der Forschungsrat war laut Statut das höchste beratende Organ des DDR-Ministerrates für alle Fragen der Forschung und Entwicklung. In dessen µE-Kommission wurden führende F/E- Chefs aus Betrieben der Mikroelektronik und führender Anwendungsbereiche berufen, sie tagte regelmäßig.  Staatssekretär Nendel, verantwortlich für die Entwicklung der Mikroelektronik, war während seiner gesamten Tätigkeit in dieser Position nicht ein einziges Mal bei deren Beratungen zu perspektivischen Schwerpunkten zugegen (!) .

Schon damals war jedem Fachmann klar - der Fortschritt wird vom schnellen Fortschritt der Höchstintegration - von immer kleineren Strukturen bestimmt, nicht von einer anderen 32- Bit- Architektur! Die komplexe Realisierung  des Höchstintegrations- Niveaus , ein gewaltiger Kraftakt, muss wirtschaftlich refinanziert werden! Die DDR brauchte keine (im Westen billigen)          1MBit- Massenchips, sondern leistungsfähige Mikroelektronik- Systeme für die Breite der führenden Industriezweige und deren Export.
Man muss heute sachlich feststellen : Der eigentliche Sinn des Beschlusses von 1986, eine neue Stufe der Höchstintegration mit allen wichtigen  Bestandteilen des nächsten "Levels"  hochwertiger Spezialausrüstungen und Materialien zu erreichen und in der Breite nutzbar zu machen , wurde grundsätzlich nicht erreicht. Daran ändert auch die mehrfache Beteuerung des "Regierungsbeauftragten" nichts, er habe Hr. Mittag darauf verwiesen, dass die "Technologie" noch nicht fertig sei. Das war doch spätestens  1988 im Politbüro bekannt. Das 1 MBit- Projekt war ein Objekt, mit dem gewaltige Investitionen umgelenkt wurden, ohne einen ausgewogenen Effekt in Finalprodukten zu ermöglichen.

Hier soll nochmals an die PB-Vorlage von Gerhard Schürer (1988) erinnert werden:

" Entsprechend der Grundthese, dass jetzt eine "Ehe" zwischen Elektronik und Maschinenbau entwickelt werden muss, wird eine große Chance darin gesehen, unsere Elektronik über Maschinenbauexporte auf den Weltmarkt zu bringen. Das erfordert jedoch, solche Kombinate wie Werkzeugmaschinenbau, Textima, Polygraph, Nagema, Medizintechnik, Haushaltgeräte u.a., die Erzeugnisse mit hoher Exportrentabilität produzieren, ökonomisch zu stärken. Wir sollten die Mikroelektronik intensiv weiter entwickeln, modernisieren und durch Spezialisierung, insbesondere mit der UdSSR, die Kosten senken. Zunächst sollen aber keine weiteren neuen Betriebe gebaut, sondern mehr Akkumulationskraft auf die Kombinate des Verarbeitungsmaschinenbaus gerichtet werden, die große und effektive Absatzchancen haben und mit Ausnahme des Werkzeugmaschinenbaus zur Zeit kaum die einfache Reproduktion realisieren."

Warum also das oben erwähnte Verwirr-Spiel um die Erfurter µ-Prozessoren, die Ignoranz zum Nachbau des Mikroprozessors vom Typ Micro-VAX 78032 - des MME U80701?
 Im Erfurter  VEB Mikroelektronik „Karl Marx" wurde ab 1986 der zum Intel 286 Franz Rößler übergibt µP 80701kompatible 16 Bit- Mikroprozessor   entwickelt und ab 1989 in Serie produziert. Er war u.a. für die Generation der IBM/AT kompatiblen ESER- Personalcomputer vorgesehen und in ersten Geräten eingesetzt. Die Arbeiten am 32 Bit- INTEL Nachfolger I/ 386 waren in Erfurt bereits angelaufen, aber wegen zentraler Weisungen und Kapazitätsmangel in ihrer Priorität herabgestuft worden. Der erste 32 Bit Mikroprozessor aus DDR-Entwicklung war daher der MME U80701,  ein Nachbau des Mikroprozessors vom Typ Micro-VAX 78032 der Digital Equipment Corporation (DEC ). Dieser SK wurde im August 1989 von dessen  Hauptkonstrukteur Prof. Franz Rößler , einem hochgeachteten Fachmann,  an E. Honecker übergeben und offiziell vorgestellt (rechts). Angesichts solcher Fotos kann man sich leicht die Bilanzen bei der Kapazitätsplanung vorstellen.

Trotz der "Empfehlungen" von K. Nendel war in Erfurt ein Hochleistungs- Entwicklungszentrum geschaffen wurde, aber der schnelle Fortschritt auf dem Wege der Höchstintegration wurde durch die extreme Konzentration und den Tunnel- Blick auf das Dresdner 1- MBit- Projekt um Jahre verzögert! Höchstintegration im Produktionsbereich für eine breite Produktpalette war für die DDR im "Isolations- Modus" (bzgl. der UdSSR- Kooperation ) ohnehin eine wirtschaftlich nicht refinanzierbare Illusion!
Die Megabit- Story und die Beziehungen K. Nendels zur HVA
 
Die Mitwirkung der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA, Wissenschaftlich- Technische Aufklärung ) bei der Entwicklung und Ferigungsunterstützung modernster Technik ist mit verschiedenen authentischen Darstellungen aus dem Verlag "edition ost" weitgehend offen und umfangreich beschrieben. Das Buch "
Die Industriespionage der DDR" (Herausgeber Horst Müller, Manfred Süß und Horst VogelISBN 978-3-360-01099-5 ) ist wohl die umfassendste  Darstellung. Einen sehr sachlichen und authentischen Bericht zur Geschichte der Mikroelektronik aus Sicht der Arbeit der Dienste der HVA - Bereich Wissenschaft und Technik - zur Unterstützung der elektronischen Industrie  der DDR veröffentlichten leitende Mitarbeiter dieses Dienstes im Jahre 2008 . Der Auszug zur Mikroelektronik incl. des 1MBit-Speichers dokumentiert wesentliche Details, wesentliche interessantere Fakten , als die ca. 10 Jahre später publizierten "Erinnerungen"  von K. Nendel.
Die Rolle und die Leistungen der HVA- Mitarbeiter  unter den Bedingungen des West-Embargos  wird sicher in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik nie sachlich und objektiv dargestellt werden, sofern dies nicht die unmittelbaren Akteure selbst taten. Natürlich kann ein Text über die Leistungen von DDR- Kombinaten nicht annähernd das Gewicht und den Wert dieser HVA- Unterstützung darstellen. Um so mehr hätte man von einem  "Insider" K. Nendel erwarten können, objektiver und ausgewogener zu berichten. Es entsteht in seinen Darstellungen der Eindruck, dass die HVA eine Art Feuerwehr auf Zuruf war und wichtiger noch, dass es an einer koordinierten Vorgehensweise bei der Beschaffung von Material und Unterlagen mangelte. Wie wir aber aus Veröffentlichungen des Verlages "edition ost" wissen, gab es in der HVA in deren Struktur eine strikte themenorientierte Koordinierung. Es ist heute z.B. bekannt, dass das Dresdner ZMD, wie auch die Entwickler in Erfurt über viele Jahre eine systematische Unterstützung und leistungsfähiges Equipment durch die HVA erhielten, immer von der gleichen Abteilung der HVA (s.o. ).  K. Nendels Text geht also m.E. völlig an der Sache vorbei, wenn er am partiellen "Toshiba /Siemens"- Beispiel (S. 120 ) und einer selbstherrlichen Biermann - Strategie darstellt, wie locker man mit Geld und Leistungen von Menschen umging. Wichtig sind doch die über Jahrzehnte  geschaffenen Grundlagen! Und ein Biermannscher "Plan B" mit komplettem "Know-how" aus dem Westen ist  eher ein Märchen: mit "know- how" allein, und sei es noch noch brillant, kann man keine 1µm Strukturen präparieren, man kann sicher  ein paar komplette Chips oder Wafer beschaffen und vorzeigen ... Und ein 1-MBit Muster (!) ist auch nicht das "Werk von Wolfgang" (S. 121 )!  Wenn schon dieses "intelligente" Niveau existierte, warum dann heute darüber schreiben? Will sich Herr Nendel heute mit dieser Art von seinem alten "Schaffen" distanzieren?
Und das Thema seiner Kontakte zum Bereich  "Kommerzielle Koordinierung" unter dessen Chef A. Schalck-Golodkowski  , Oberst im Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und Leiter des  Bereichs für Kommerzielle Koordinierung im Ministerium für Außenhandel. Es macht betroffen, wie Jahrzehnte später noch darüber "berichtet" wird (S. 117 ), wie Staatsorgane ausgespielt wurden und eine zweite Valuta- Quelle am Staatsplan vorbei durch Anrufe verfügbar gemacht wurde. "Alex, ich brauch Geld" - lesen wir dort. Und dann noch "Um welche Summen es dabei ging, ob es nun eine, zwei oder drei Millionen waren, interessierte mich nicht. Schalck war für das Geld verantwortlich- ich für die Technik" (Zitat Nendel!).
Herr Nendel brüstet sich noch heute damit, dass e
r auf der "richtigen" Seite stand , d.h. gegen die Standpunkte des Vorsitzenden der Plankommission war. Das kann man nur so verstehen, dass er die Vorlage von G. Schürer (oben) zur Effektivitätssteigerung der führenden DDR- Industriezweige noch heute genau so betrachtet, wie sein "Vorgesetzter " G. Mittag, der jegliche Beratung der Argumente der Plankommission in der Parteispitze torpedierte!
Man hatte offenbar "vergessen", wofür die gewaltigen µE- Investitionen eigentlich dienen sollten.

Eine Frage :
wer trug die Verantwortung vor der Gesellschaft für derartigen Umgang mit Volksvermögen, wer fragte nach der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ?
Es ist mehr als enttäuschend, dass auch, mit dem offensichtlichen "geschichtlichen Urteil der Technik- und Marktentwicklung"  von zwei Jahrzehnten vor Augen, ein ehemaliger "Regierungsbeauftragter für  Mikroelektronik" keinen Mut aufbringt, sein Wirken und die Ergebnisse von  ökonomisch nicht erklärbaren Entscheidungen kritisch zu hinterfragen! Das Wort  "Effektivitätsgewinn"  kommt bei Nendel nicht vor , auch keine Zahlen zum Aufwand für "Illusionen" der Parteiführung . 1,5 Milliarden kostete allein die Entwicklung des 32-Bit-Prozessors U80701, einem Nachbau von DEC  mit 6 Jahren Verspätung. Fünf Jahre lang flossen sieben Prozent aller verfügbaren Mittel in den neuen Industriezweig. Viele andere Bereiche verloren ihre
Leistungskraft wegen fehlender  kleiner Valuta- Investitionen.
 
Bleibt abschließend festzustellen:
- Einen sehr sachlichen und authentischen Bericht zur Geschichte der Mikroelektronik aus Sicht der Arbeit der Dienste der HVA - Bereich Wissenschaft und Technik - zur Unterstützung der elektronischen Industrie  der DDR veröffentlichten leitende Mitarbeiter dieses Dienstes im Jahre 2008 ("Die Industriespionage der DDR" ISBN 978-3-360-01099-5). Der Auszug zur Mikroelektronik incl. des 1MBit-Speichers dokumentiert wesentliche Details, die sich teilweise vom Bericht des Mikroelektronik- Staatssekretärs Nendel unterscheiden. Dieser Bericht dürfte für den Leser wesentlich wertvoller sein.

- Der Nendel-Artikel dient in keiner Weise dazu, die hohen Leistungen von zehntausenden von Mitarbeitern in dem neu geschaffenen Industriezweig "DDR- Mikroelektronik" auch nur annähernd objektiv darzustellen oder zu würdigen. Inhalt und Art der Darstellungen sind den gewaltigen Leistungen, der Arbeit in hunderten Betrieben nicht adäquat!

- Die Investoren Siemens und AMD haben 1990 das Potential der DDR- Mikroelektronik erkannt und in eindrucksvoller Weise genutzt. Heute ist Silicon Saxony  der größte Mikroelektronik Verbund Europas!
Die Investitionspolitik der DDR , die geschaffene leistungsfähige industrielle Infrastruktur und wissenschaftliche Basis, sowie vor allem das Können der Mitarbeiter waren dafür eine gewichtige Grundlage.

 
© Dr.Jungnickel ; http://eser-ddr.de/
 Redaktion 7/2017