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Gedanken und Auszüge zum Buch von Klaus BlessingWER VERKAUFTE DIE DDRUntertitel Wie leitende Genossen den Boden für die Wende bereiteten |
Aspekte-70 | Gedanken über Bücher zur Geschichte des Sozialismus | Leningrad /Skt. Petersburg | Betrachtungen Erzählungen | Rechentechnik der DDR im ESER |
Vorbemerkungen |
Das Buch von Klaus Blessing "Wer
verkaufte die DDR/ Wie leitende Genossen den Boden für die Wende
vorbereiteten" ( ISBN
978-3-95841-033-6 ) war für mich eine außerordentliche
Bereicherung über Interna, Hintergründe und Zusammenhänge der
Prozesse der letzten Jahre in den Führungsetagen der DDR. Klaus
Blessing war nach verschiedenen anderen verantwortungsvollen Aufgaben
in der DDR- Industrie von 1986 bis 1989 Abteilungsleiter
"Maschinenbau und Metallurgie" im ZK der SED. Er verfügt also
über authentische Informationen zu den Interna im höchsten
Führungsgremium der DDR und hat ohne Zweifel mit seinen
umfangreichen Publikationen und Äußerungen als scharfsinniger
Analytiker und überzeugter Marxist einen wertvollen Beitrag zum Verständnis der geschichtlichen Wahrheit
jener Zeit geleistet. Aber vor allem vermittelt er seinen Lesern
einen klaren Blick auf die neoliberalen Machenschaften bei der
Angliederung der DDR und der Aneignung des Eigentums von Millionen
DDR- Bürgern durch das BRD- Kapital. Und er bleibt nicht bei
einer rückwärtsgewandten Betrachtung stehen, sondern bietet
Schlußfolgerungen für eine aktuelle
Politikwende an. Einleitend möchte ich etwas zum "Warum" erklären. Das Buch bestätigt Zusammenhänge, die bislang für mich weitgehend Vermutungen und Spekulationen waren. Wer meine Kommentare /Artikel zu den anderen Büchern auf der Seite "Gedanken über Bücher zur Geschichte des Sozialismus" liest, wird wie einen roten Faden die Frage nach dem "Warum", den Ursachen , Fehlern , Defekten .. finden /gefunden haben, die zum Zusammenbruch des Systems des realen Sozialismus geführt haben. Bei dieser Suche wurde das Feld weit über den Rahmen des "Sozialismus in den Farben der DDR" gespannt und nach Möglichkeit immer auch auf Aspekte erweitert, die im Mutterland des Sozialismus lagen. |
Dankend hatte ich die Möglichkeit, mit Klaus Blessing Kontakt aufzunehmen. Auszüge aus der Mail- Korrespondenz |
Lieber Klaus Blessing ,
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Zu einigen Themen des Buches aus meiner Sicht |
Es ist keineswegs das Ziel, noch ist es möglich, hier den Inhalt des
o.a. Buches
zusammenfassend darzustellen. Es wird wahrscheinlich bald wieder
aufgelegt. Hier nur wenige Aspekte:
Von besonderem Interesse waren für mich zwei Themen , die m.E. in einem inneren Zusammenhang stehen:
"Die Wurzel (zum Zusammenbruch der DDR-G.J.) liegt in den objektiven Bedingungen der DDR, die ökonomisch und politisch untrennbar mit der UdSSR verbunden war... Wer seine Wirtschaft von vornherein ... auf die Belange des "großen Bruders" einzustellen hat ,.., wer darüberhinaus politisch voll in das sozialistische Lager integriert ist, kann diese Verbindung bei Strafe des Unterganges nicht kappen" .... Eine andere Frage ist, wie der Staat DDR auf die sich eindeutig abzeichnenden ökonomischen und poilitischen Verfallserscheinungen bei diesem "großen Bruder" hätte reagieren sollen und können. ... Das politische Übel besteht darin, dass es im politischen Führungsgremium -dem SED- Politbüro- .... keine Grundsatzdebatten zur politisch-ökonomischen Ausrichtung des Landes .(gab) "..... "Wenn Mittag und die wenigen "Berater" in seinem Umfeld ..... in dieser Situation zu der Erkenntnis gekommen sind, mit der Sowjetunion kann die DDR ihre Position als entwickeltes Industrieland nicht länger halten , ist das verständlich, legitim und richtig.." "In der Mittag -Fraktion wurde die Diskussion über eine deutssch-deutsche Konföderation als plitischer Ausweg geführt. Es wurde offensichtlich nicht zu Ende gedacht, was das sein soll- eine Konföderation zwischen der sozialistischen DDR und der kapitalistischen BRD. ... Ich bezweifle , dass die hochrangigen Verhandler mit westdeutschen "Partnern" immer klar vor Augen hatten, dass der "Partner " kein Partner, sondern ein Gegner ist .. der die DDR .. liqudieren will." Soweit also einige Zitate aus K. Blessings Buch.
Diese
Wertungen des Bündnisses mit der UdSSR - die sich offenbar auf
die Mitte der 80-er beziehen- waren für mich zumindest
"überraschend": Einerseits war das eine Bestätigung dessen, dass man
in Teilen der DDR- Führung die politischen Tendenzen in
der UdSSR weitgehend real so erkannte, wie sie sich später
brutal öffentlich manifestierten. Und was "man"
vor allem bei der intensiven wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit
führenden Zweigen der UdSSR- Industrie auch persönlich spüren konnte.
Ab 3/1985 kam Gorbatschow an die Macht
( und gab 8/ 1991 würdelos auf ). Aber auch da waren erst ab ca. 1986/87 Zeichen einer Diversion
des Staates ( unter Einfluss von A. Jakowlew) deutlich. (https://aspekte-70.de/ZusammenbruchUdSSR_Seite_n.htm
). Im Abschnitt "Eine sozialistische Alternative braucht neue Ziele" (S. 169 ) " lesen wir unter Schlussfolgerungen : "Eine sozialistische Alternative kann nicht im Versuch bestehen, den Kapitalismus mit sozialistischen Methoden zu überbieten. Der Krebsschaden des Ausverkaufs der DDR an die BRD lag in der politischen Grundorientierung, die BRD auf dem Gebiet der Konsumtion und der Produktivität nicht nur einzuholen, sondern zu überholen. Mit dieser Grundorientierung sollte - auch in der DDR – eine Konsumgesellschaft sozialistischer Prägung gestaltet werden. Mit dieser Gesellschaftsphilosophie war die DDR ständig in einer Position des „Hinterherlaufens“ gegenüber der auf diesem Gebiet führenden BRD. Dieser Wettlauf konnte nicht gewonnen werden, er war vom Ansatz unrealistisch und damit falsch. Er zog sich jedoch von Ulbricht über Honecker bis zum Ende der DDR als Gesellschaftsdoktrin durch. Die politische Führung der DDR hatte keinen Mut gegenüber dem Volk zu erklären oder auch nicht erkannt, dass sie sich damit auf dem Holzweg befindet....
Eine dringend notwendige sozialistische Alternative für
Gegenwart und Zukunft muss diese eingeschränkte Herangehensweise
überwinden und die eigenständigen Merkmale einer sozialistischen
Gesellschaft ins Zentrum stellen: Frieden, Solidarität,
Gerechtigkeit, Gleichheit, Arbeit. Die Abrichtung des Menschen
zum „Konsumtrottel“ muss überwunden und der denkende Mensch in
die Gestaltung der Gesellschaft aktiv einbezogen werden. |
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Aspekte der Zusammenarbeit mit der UdSSR- Erinnerungen aus unserer Praxis ? |
Auf der Domäne
ESER-DDR.de
wurde unsere jahrzehntelange erfolgreichen Arbeit bei ESER-
Großrechnern mit der UdSSR umfangreich dargestellt. Diese Arbeit hatte eine überragende
strategische Bedeutung für die Versorgung mit moderner
Datenverarbeitungs- Technik für die Wirtschaft und wichtige
Bereiche der Landesverteidigung. Sie hatte auch bedeutendes
wirtschaftliches Gewicht beim Export. In den Jahren bis zur
Korrektur des Niveaus des Erdölpreises im Handel mit der UdSSR
konnten wir allein mit unserem Exportgewinn bei ESER-EDVA die
gesamten DDR-Erdölimporte aus der UdSSR finanzieren! (Quelle (1988) Zitat G.Schürer : "
"Bei einzelnen Erzeugnissen wurden im Export in das
sozialistische Wirtschaftsgebiet 1987 Exportrentabilitätsraten
erzielt, die einen
hohen Gewinn
(hervorgehoben G.J. ) an Nationaleinkommen für die DDR bedeuten.
Das betrifft zum Beispiel:
Elektronische Datenverarbeitungsanlagen
[dh. unsere ESER Anlagen ]vom Kombinat Robotron;
Exportrentabilität: 4,42; Exportgewinn für die DDR: 751,5
Millionen Mark " Wir spürten in der Zeit der "Mittag-Politik " ab ca. 1986 eine deutliche Abwertung der einst hohen Priorität unserer Erzeugnis Linie ESER-EDVA, die Gerhard Schürer 1988 in „Überlegungen zur weiteren Arbeit am Volkswirtschaftsplan 1989 und darüber hinaus" in seiner PB- Vorlage noch vehement verteidigte. Unser ESER- Team bei Robotron/Karl- Marx-Stadt musste in der täglichen Praxis bei der Einordnung von Zulieferungen und Leistungen, sowie von Staatshaushalt- Mitteln ständig erleben, dass unsere nach wie vor (vor allem im Export) hocheffektive Produktlinie in den Bilanzen zweitrangig war, zeitweise nicht einordenbar. Andererseits wurden Geld-Mittel - vor allem riesige NSW-Valutasummen- und Kräfte scheinbar problemlos bereitgestellt, wenn es um die Entwicklung und Fertigung der sog. 32- Bit Technik nach DEC- Architektur (K1840, K1845 ) ging. Im Bereich des Ministeriums "Elektrotechnik/ Elektronik" gab es keinerlei auch nur annähernde Alternative für unsere SW- Exporte, aber die sog. 32- Bit Rechentechnik wurde gnadenlos realisiert, obwohl sie ebenfalls einen Rückstand von 5-6 Jahren zum Westniveau bei Produktionsstart haben würde... Sie fragen , warum? Der Unterschied bestand darin, dass die 32-Bit Technik Teil eines vertraulichen Großprojektes zur beschleunigten Entwicklung der Mikroelektronik ("Anlage 6" ) war, das unter straffer Kontrolle der Mittag- Fraktion im Politbüro stand und Zugriff auf den Valuta- Fond der KOKO hatte. Die 32-Bit Technik war angeblich dringend als µE-Entwurfstechnik erforderlich! Allerdings nicht 5-6 Jahre veraltete Technik. Die erforderlichen Rechner mussten weiter importiert werden! Das hatten sicher Hr. Mittag, Hr. Nendel u.a. nicht verstanden, viele andere Personen trauten sich nicht, das zu äußern! Andererseits sicherte die ESER- Technik im Rahmen des "normalen" Staatsplanes in einer überragenden Breite die Versorgung der DDR- Wirtschaft (und der RGW- Länder) mit moderner Datenverabeitungs- Technik. Diese gehörte allerdings zum Kontrollbereich der Plankommission unter G. Schürer und war daher für Herrn Mittag zweitrangig.... Im Artikel "Die DDR- Kombinate und Kritik ..." ist z.B. in Ansätzen skizziert, in welcher Technologie- Falle die DDR steckte, eingekeilt durch das Embargo, abgeschnitten vom internationalen zahlungskräftigen Markt, ohne effektive Arbeitsteilung im Weltmassstab oder mit den sozialistischen Staaten, unter dem ständigen politischen Pressing des Kalten Krieges und der BRD -Politik des Ausblutens der DDR.. . Die gesteckten, oft subjektiv motivierten Ziele waren jedoch für die DDR allein unreal und weltfremd, vor allem auch unter dem Aspekt der rasanten Technologieentwicklung in und für riesige Märkte. Sie überforderten das Leistungsvermögen der DDR-Gesellschaft und brachten sie aus dem Gleichgewicht! Das hat uns Klaus Blessing mit seinem Buch sehr deutlich vor Augen geführt. Aus der Lektüre des Buches entstand daher die Schlussfolgerung, dass die Führung der SED in einem tiefem Widerspruch zweier Grunddoktrinen handelte- "Hohes Sozial-Niveau" contra "Führender Industriestaat". |
Die Wirtschaftspraxis der DDR befand sich
also im "Kreuzfeuer" des internen Machtkampfes im
Politbüro. Es fehlte offenbar jegliche Koordinierung der großen Ziele
in Forschung und Entwicklung. Ja wie denn auch, wenn
eine Seite sich mit strikter Vertraulichkeit abschottet?
Ein Beispiel: Erst der große Druck der
Wirtschaft führte dazu, dass auch in der DDR die im Kommen
befindlichen INTEL /Mikrosoft -
Personalcomputer als Massen-Produkte der
Rechentechnik/Datenverarbeitung entwickelt und produziert
wurden. Vom international kompatiblen ESER- PC EC1834/1834-1 wurden allein in
den beiden Robotron-Großbetrieben in Sömmerda und Karl-
Marx- Stadt-Chemnitz bis 1991 ca. 80 Tausend Stück gefertigt, viele davon
wurden erfolgreich in die Russische Föderation
exportiert. Heute hat der fast allmächtige Fortschritt der Höchstintegration der Prozessorchips dazu geführt, dass auch "Spezialarchitekturen", wie etwa die sog. 32 Bit Architektur der Firma DEC keinerlei Vorteile bieten und vom Markt verschwunden sind. Unsere damaligen Empfehlungen zur Konzentration der DDR auf eben diese Prozessor- Linie hatten daher keine Chance, niemand hatte das Recht , dem allmächtigen Politbüromitglied für Wirtschaftsfragen zu widersprechen! |
Dieses "Kreuzfeuer" hat offenbar dazu beigetragen , dass im "Schuldenpapier der DDR über 29 Mrd. VM " durch G. Schürer , Schalck-G. und andere von 1989 an die Modrow- Regierung das geheime Vermögen der KOKO nicht auftauchte ! Im Buch von K. Blessing sind die Umstände und Motivationen umfassend analysiert. Schürers Papier war sicher für die Regierung Modrow sehr kontraproduktiv. Die Wurzeln des Zusammenbruchs liegen aber m.E. , wie oben ausgeführt, in der Erosion der UdSSR, die ca. 1985 unter Mitwirkung von Gorbatschow begann . |
Nach
meiner Überzeugung wurde der
reale Sozialismus bereits ab ca. 1985
schleichend destabilisiert,
in
kleinen Schritten und unter der
Dominanz einer (überwiegend) überalterten dogmatischen
Parteiführung . Tatsächlich ab ca. 1985 ? Die DDR war ökonomisch und politisch untrennbar mit der UdSSR verbunden! Die Chance der längerfristigen Überwindung des genannten Widerspruches (Sozial- Niveau contra führender Industriestaat ) lag daher im Erhalt und der Stärkung eines reformierten, sozialistisch orientierten Staatenblocks bei Überwindung der Spannungen mit der VR China, der ökonomischen und politischen Öffnung zum Weltmarkt, dem Vertrauen in die Klugheit der Menschen, die Vorzüge des Sozialismus demokratisch mitzugestalten! In der UdSSR ist es für viele Kommunisten eine bittere Überzeugung: Mit dem in der UdSSR eingeleiteten Politikwechsel nach Jurij Andropow war ab 1985 die letzte Chance dringender Reformen des Sozialismus vertan! Der oben für die DDR skizzierte Widerspruch war unter den existenten Bedingungen, bei Erhalt eines sozialistischen Gesellschaftsmodells ab dem Zeitpunkt um 1985 , d.h. nach dem Tode von Jurij Andropow, nicht mehr auflösbar. Aus heutiger Sicht ist u.E. der Aufbau eines neuen sozialistischen Gesellschaftsmodells offenbar in weite Ferne gerückt. Es erfordert ganz unbestritten eine wesentliche Umgestaltung der Besitzverhältnisse in der Gesellschaft, um eine zukunftsorientierte und demokratische Umverteilung des geschaffenen Mehrwertes und Reichtums zu ermöglichen. Heute bilden eher Sammelbewegungen der zukunftsorientierten gesellschaftlichen Kräfte der Welt eine reale Chance, sowohl im nationalen , aber mehr noch im internationalen Maßstab einen Wandel der globalen Entwicklungstendenzen zu erreichen. Ansätze dafür kann man dafür in dem spannenden Buch von Naomi Klein "Gegen Trump, der Aufstieg der neuen Schock- Politik und was wir jetzt tun können" finden . Auch die Bewegung "Aufstehen" hatte wohl im Kern das Ziel, über die Grenzen ideologischer oder parteienmäßiger und geistiger Schranken das große Potential verschiedener zukunftsorientierter Kräfte in der BRD zu vereinen! Leider sind derartige Ziele offenbar von den Amtsträgern (oder noch Amtsträgern) der linksorientierten Parteien nicht mit deren persönlichen Machtinteressen konform! Es hat den Anschein, dass das existierende parteiengebundene Demokratiemodell überholt ist und durch Demokratie- Formen erstezt werden muss, die die wichtigen Zukunfts- Themen durch die Vertretung einer breiten Mehrheit der Gesellschaft in die Hand nehmen. |
Abschließend möchte ich nach ausdrücklicher Genehmigung des Autors den Abschnitt seines Buches "Schlussfolgerungen .. " als Link anbieten - sowohl imFormat Word. ..docx, als auch als im Browser-Format ... html Klaus Blessing verdient ganz zweifellos für sein Buch und viele seiner engagierten Publikationen ausdrücklich Anerkennung und Dank. |
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© Dr.Jungnickel ; http://eser-ddr.de/ |
Redaktion 04/2019/ |